Samstag, 23. Dezember 2017

JAHR 1717 - ALS DIE GROSSE FLUT KAM. (HELIODA1)

Als die große Flut kam

Vor 300 Jahren brach am frühen Weihnachtsmorgen die verheerendste Sturmflut der Neuzeit über Norddeutschland herein – mehr als 11000 Menschen starben

JAHR 1717 – ALS DIE GROSSE FLUT KAM. (HELIODA1) – Helioda1's Weblog

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Zwei alte Brunnen aus Torfsoden: Baggerarbeiten und die täglichen Überflutungen bringen die Vergangenheit ans Tageslicht. NIHK, Stefan Krabath

Ein Strafgericht Gottes zum Weihnachtsfest

Bei der sogenannten Weihnachtsflut von 1717 kamen an der Nordseeküste mehr als 11000 Menschen sowie zigtausende Rinder, Schafe, Schweine und Pferde um

Wohl im Jahr nach der Weihnachtsflut erschien in Nürnberg diese Karte. Eine allegorische Darstellung zeigt den Meeresgott Poseidon, den schnaubende Rosse in einer Muschel über das aufgewühlte Meer ziehen. Dächer ragen aus dem Wasser, in dem Leichen schwimmen. Alt-Nordstrand wird noch in der Form des Hufeisens dargestellt, das aber schon bei der „Mandränke“ 1634 zerstört wurde.Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek
NORDFRIESLAND Am Heiligen Abend des Jahres 1717 wollte Heinrich Heimreich, Pastor auf der kleinen Hallig Nordstrandischmoor, zeitig zu Bett gehen und dem Weihnachtstag entgegenschlafen. Tagsüber hatte es heftig geregnet und aus Südwesten stark gestürmt. Gegen Abend drehte der Wind auf West und dann auf Nordwest. Aber auf seiner unbedeichten Hallig war nur das niedrigste Feld überspült worden, und bei einsetzender Ebbe lief das Wasser wieder ab. Außerdem stand der Mond im letzten Viertel, sodass keine Springflut zu befürchten war. So löschte man im Pastorat das Licht und ging schlafen. Heimreich und seine Familie wären in dieser Nacht umgekommen, „wenn nicht Gott für uns gesorget und unsere einzige Tochter, ein Mägdlein damaln von 17 Jahren, ganz unruhig gewesen“. So beschreibt er es in der Fortsetzung zu der berühmten „Nordfresischen Chronick“, die sein Vater Anton Heimreich, ebenfalls Pastor auf Nordstrandischmoor, 1666 hatte erscheinen lassen.
Schon vor Mitternacht erwachte Heinrich Heimreichs Tochter voller Angst und jammerte: „Mutter, Mutter, was wehet es so stark, diese Nacht vertrinken wir.“ Die Eltern redeten ihrer Tochter gut zu: Die Familie wolle doch am nächsten Tag „das heilige Christfest mit munterem Herzen und Gemüte in Freuden feierlich begehen“. Aber das Mädchen fand keine Ruhe. So stand Heinrich Heimreich auf – und musste mit Bestürzung sehen, dass die Nordsee schon das höchste Feld seiner Hallig überspült hatte. Das Wasser war mit einer solchen Geschwindigkeit aufgelaufen, „als niemalen erlebet hatte“.
Wie Pastor Heimreich hatten die meisten Menschen an der Nordseeküste sich beruhigt schlafen gelegt, nachdem sie den Gottesdienst am Heiligen Abend besucht hatten. Und überall wurden sie dann vom schnell steigenden Wasser überrascht. Weil die Sturmflut so plötzlich kam, konnten die Menschen zumeist nicht, wie es sonst üblich war, durch das Läuten der Kirchenglocke vor der drohenden Gefahr gewarnt werden. Wettervorhersagen gab es ohnehin nicht. Fast überall brachen die Deiche. In Eiderstedt soll dies allein 81 Mal geschehen sein.

In Husum erwartete man das Hochwasser erst um acht Uhr morgens, aber schon um 3.30 Uhr standen Straßen und ein Teil des Markts unter Wasser. Durch die Gassen Tönnings ergoss sich das Wasser wie ein Strom. In Glückstadt an der Elbe trieb ein Schiff auf dem Marktplatz.


Grauenhaftes ereignete sich in dieser „Weihnachtsflut“ in den Marschen der Nordseeküste sowie auf ihren Inseln und Halligen. Das Leid lässt sich kaum in Worte fassen. Viele Menschen suchten vor dem schnell steigenden Wasser Zuflucht auf dem Boden ihres Hauses. Oftmals schlug die Flut die Dächer aber in mehrere Teile und riss damit Familien auseinander. Eltern mussten zusehen, wie die Wellen ihre Kinder fortspülten. Männer sahen ihre Frauen, Frauen ihre Männer jämmerlich ertrinken. Wer sich auf einem Dach festgeklammert hatte, hörte im Wasser treibende Menschen um ihre Rettung flehen und konnte ihnen nicht helfen. Mancher hielt sich an einem Baum fest, kletterte mit seiner nassen Kleidung hinauf, konnte sich dann aber mit seinen verfrorenen Fingern nicht mehr halten und stürzte zurück ins Wasser.

Viele Häuser gingen in dieser Nacht in Flammen auf. Denn die Menschen zündeten im Dunkel der Nacht Kerzen oder Lampen an und nahmen sie mit auf den Boden, oftmals fing das Haus dann Feuer. Vor die Wahl gestellt zu ertrinken oder zu verbrennen, stürzten sich die Verzweifelten oftmals lieber ins Wasser. Ein schließlich Geretteter aus dem ostfriesischen Westeraccumersiel berichtete, er könne das jämmerliche Geschrei der Sturmflutnacht niemals vergessen: Einige hätten erbärmlich um Rettung gerufen und gewinselt, manche laut gebetet, andere aber entsetzlich geflucht. An vielen umspülten Häusern wehten weiße Tücher oder Laken, um auf die Notlage hinzuweisen.

Auch Pastor Heimreich war mit seiner Frau und seiner Tochter auf den Dachboden geeilt und musste zusehen, wie die „grausamen Wellen“ die Mauern des Pastorats einschlugen. Die „brausenden Wasserwogen“ gingen nun durch das ganze Haus, spülten alles Hab und Gut fort, auch die 300 bis 400 Bände umfassende Bibliothek des Pastors sowie zwei Kühe und 13 Schafe, die mit „großem Gebrüll und Blöken vor unsern Augen ersoffen“. Voller Angst sehnte die Familie Rettung herbei, da ja „nur ein Schritt zwischen uns und dem Tode sich befand“.

Als es endlich Morgen wurde, bot sich ein Bild der Verwüstung. Allein auf der kleinen Hallig Nordstrandischmoor waren 500 Schafe und 30 Kühe ertrunken. Die Gemeinde umfasste 20 Häuser. Mit ein oder zwei Ausnahmen waren alle „sehr übel verwüstet“ und „ganz durchlöchert“. Heimreich berichtet: „Drei Häuser sind mit Menschen, Vieh und allem sich darin Befindlichen niedergeschlagen, weggeschwemmet und also 16 Personen erbärmlich umgekommen“. Auch die Halligkirche wurde „ganz ruinirt“. Kanzel, Altar, alle Stühle und Fenster spülten „des Meeres Wellen“ fort.

Die Weihnachtsflut des Jahres 1717 gehört zu den schwersten Katastrophen, die jemals die Nordseeküste heimsuchten. Wie viele Menschen in dieser Christnacht ihr Leben verloren, wird sich aufgrund der lückenhaften historischen Quellen nie genau ermitteln lassen. Man geht von etwa 11 500 Opfern zwischen Tondern im damaligen Herzogtum Schleswig und den Niederlanden aus. Rund 4000 Häuser wurden weggerissen. Zigtausend Rinder, Schafe, Schweine, Pferde kamen um.

Der aus Bredstedt stammende Historiker Manfred Jakubowski-Tiessen, viele Jahre Professor in Göttingen, hat die Sturmflut umfassend erforscht. Im Vergleich zu anderen Fluten, die zumeist vor allem eine Region heimsuchten, war die geografische Ausdehnung dieser Naturkatastrophe außergewöhnlich groß. Am schlimmsten traf es Ostfriesland und die sonstige niedersächsische Küste. In den Niederlanden kamen etwa 2500 Menschen um. Nach Forschungen von Dirk Meier forderte die Flut in Schleswig-Holstein mindestens 558 Todesopfer, vor allem in Dithmarschen. Für Nordfriesland ist die Überlieferung recht lückenhaft. In Eiderstedt waren es wohl um 50; in einem Bericht werden gar 2107 Tote auf der Halbinsel genannt, aber hier handelt es sich gewiss um eine Verwechslung mit der Katastrophe von 1634. Im Unterschied zu jener „Mandränke“, die insbesondere die große Insel Alt-Nordstrand zerstört hatte, kam es in Nordfriesland diesmal nicht mehr zu großflächigen Landverlusten. Lediglich die restliche Lundenbergharde bei Simonsberg in Eiderstedt ging verloren. Dort übrigens fand man 20 Bücher aus Pastor Heimreichs Bibliothek wieder, die er dann neu einschlagen ließ.


Bis den Überlebenden Hilfe gebracht werden konnte, dauerte es oftmals mehrere Tage. Viele Menschen, die in eisiger Kälte, meist nur mit einem durchnässten Nachthemd bekleidet, auf Hilfe warteten, starben noch Tage nach der Sturmflut an Hunger und Durst. Das Nordseewasser strömte an vielen Stellen Wochen und Monate durch die gebrochenen Deiche und versalzte die Felder und Wiesen. Zumal auch viel Saatgut weggeschwemmt worden war, konnte im folgenden Sommer nur wenig geerntet werden. Außerdem erlitten die Arbeiten an den Deichen immer wieder Rückschläge. Noch waren nicht alle Opfer der Weihnachtsflut gefunden und begraben, die Schäden höchstens notdürftig behoben, da ereigneten sich am 25. Januar und besonders in der Nacht vom 25. zum 26. Februar 1718 erneut schwere Sturmfluten. Große Eisschollen trieben auf das Land und zerstörten zusätzlich Deiche, Siele und Häuser; die Zeitgenossen sprachen deshalb von der „Eisflut“. Die landwirtschaftlichen Flächen erholten sich langsam von der erneuten Überschwemmung, die Menschen schöpften langsam wieder neuen Mut, da brachen keine zwei Jahre später bei der „Neujahrsflut“ am 1. Januar 1721 wieder in allen Küstenländern die Nordseedeiche.

Die meisten Zeitgenossen sahen die Weihnachtsflut und die folgenden Überschwemmungen als Strafgerichte Gottes. Dass er sie gerade zu Weihnachten geschehen ließ, begründeten viele Pastoren damit, dass dieses Fest von vielen Menschen entheiligt werde. Manche nannten indes vor allem Versäumnisse im Deichbau als Ursache der Katastrophe, worin sich eine neue Zeit ankündigte, die Aufklärung.


Pastor Heimreich auf Nordstrandischmoor glaubte, dass der gerechte Gott „die überaus hohen Wasser- und Sündfluten“ „um der Menschen Sünde willen“ geschehen ließ. Nach der furchtbaren Weihnachtsflut des Jahres 1717 musste er mit seiner Familie noch eine Woche „in Kälte, Wind und Wetter“ auf dem Heuboden ausharren. Wir „sind aus den Kleidern nicht gekommen, hatten fast nichts zu essen und zu trinken, weil Brot und Bier, Butter, Wein und Brantewein nebst Gewürz, Grütz, Weizenmehl, Sauer und Pökelfleisch . . . weggeschwemmet war“. Immerhin wurde ihnen am zweiten Feiertag ein Brot und etwas zu trinken gebracht. Am Tag vor Neujahr suchte die Familie dann erst einmal in Husum Zuflucht. „Mit welchem betrübten Herzen wir Abschied genommen . . . und unter welchen Tränen es auf beiden Seiten geschehen, kann ein jeder Verständiger leichtlich nachdenken.“ Auf die Hallig zurückgekehrt, erlebte Heimreich dort die „Neujahrsflut“. Wieder flüchtete die Familie auf das Dach des Pastorats, wieder wurde Hausrat weggetrieben – darunter einige der neueingeschlagenen Bücher. Heinrich Heimreich starb 1730 mit 69 Jahren auf Nordstrandischmoor, wo er viereinhalb Jahrzehnte lang Pastor gewesen war.

Thomas Steensen


Unser Autor Professor Dr. Thomas Steensen ist Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Honorarprofessor an der Europa-Universität Flensburg. Er verfasste zahlreiche Bücher zur Geschichte, Kultur und Sprache Nordfrieslands.


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