Donnerstag, 15. Januar 2015

WER HAT AMERIKA "ENTDECKT"? (HELIODA1)


Feuilleton

Die 1513 entstandene Weltkarte des türkischen Admirals und Kartografen Piri Reis.
Die 1513 entstandene Weltkarte des türkischen Admirals und Kartografen Piri Reis. (Heritage Images / Getty Images)

Feuilleton  


Wer hat Amerika «entdeckt»?

Phönizier, Karthager, Kelten, Wikinger – und Muslime

Quelle: NZZ.

Die Frage, wer Amerika «entdeckt» hat, gibt immer wieder Anlass zu Thesen und Spekulationen. 

In der jüngsten Debatte, die nicht von einem Wissenschafter, sondern vom türkischen Präsidenten ausgelöst worden ist, stehen muslimische Seefahrer im Rampenlicht.

Michael Kempe

Vorbeigezogen scheint der Sturm, den die windigen Thesen des türkischen Präsidenten Erdogan zur angeblichen Entdeckung Amerikas durch muslimische Seefahrer entfacht haben. Es war wohl nur ein Sturm im Wasserglas. 

Oft schon ist Kolumbus der Ruhm als Entdecker Amerikas abgesprochen worden. 

Die abziehenden Wolken geben aber immerhin den Blick frei auf die wissenschaftlich wesentlich ernster zu nehmendem Thesen eines in Frankfurt am Main lehrenden Orientalisten und Islamforschers. 

Gemeint sind Fuat Sezgin und seine Ausführungen zur «Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus»

Unter diesem Titel wurde bereits 2006 ein Auszug aus Sezgins «Geschichte des arabischen Schrifttums» (Band 13) im Internet veröffentlicht

In erweiterter Fassung hat 2013 der Verlag der Wiener Zeitschrift «Der.Wisch» diesen Auszug als Separatdruck publiziert. 

Obwohl das darin Dargelegte mit hohem Forschungsaufwand erarbeitet und mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat versehen worden ist, hat die professionelle Historikerzunft die Überlegungen bisher kaum zur Kenntnis genommen. 

Dabei lohnt es sich durchaus, die Ausführungen des 1924 im türkischen Bitlis geborenen Professors für die Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften näher zu betrachten.


Frühe Weltkarten

Indem Sezgin neuere Mutmassungen über angebliche chinesische Marineexpeditionen zu Beginn des 15. Jahrhunderts nach Amerika zurückweist, entfaltet er seine eigenen Thesen über vorkolumbische Amerika-Reisen. 

Es seien vor allem arabische Muslime gewesen, die den unbekannten Kontinent von Westafrika und vom Indischen Ozean aus erstmals ausgiebig bereist und kartografiert hätten – lange bevor Kolumbus 1492 in der Inselwelt der Karibik vor Anker gegangen war. 

Der Historiker führt diese Reiseaktivitäten auf überlegene Nautik-Kenntnisse arabischer Seefahrer und deren Methoden zur genauen Messung der Breiten- und Längengrade zurück, die bis dato in der europäisch-westlichen Geschichtsschreibung ausgeblendet worden seien. 

Als Belege werden vor allem Karten aus dem frühen 16. Jahrhundert herangezogen; beispielsweise die osmanische Seekarte des Zentralatlantiks von Piri Reis, in der die verschollene Kolumbus-Karte von 1498 mit eingegangen sei, die Weltkarte des Alberto Cantino, Juan de la Cosas Atlantikkarte oder die portugiesische Übersetzung einer javanischen Karte der Ostküste Südamerikas. 

In diese Karten, so Sezgin, seien umfangreiche kartografische Informationen von muslimischen Amerika-Fahrern des 14. und 15. Jahrhunderts eingeflossen.

Sezgins Ausführungen hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. 

Einerseits besticht die Argumentation durch eine kenntnisreiche und quellennahe Analyse historischer Seekarten, andererseits fällt auf, dass in den Anmerkungen fast nur auf kartografie- und navigationsgeschichtliche Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verwiesen wird, so dass der Gedankengang sich nicht auf der Höhe der heutigen Fachdiskussion bewegt. 

Unklar bleibt ferner, welche Motivation die muslimischen Kapitäne für ihre Entdeckungsreisen gehabt haben mögen. 

Lediglich von Beutenahme und Abenteuerlust ist bei Sezgin vage die Rede. – 


Hingegen liegen die Motive der europäischen Seefahrer wie Kolumbus, Vasco da Gama oder Magellan auf der Hand. 

Entdeckungsfahrten portugiesischer oder spanischer Seefahrer wurden nicht um ihrer selbst willen unternommen. 

Entdeckt werden sollten neue Seewege, Inseln und Länder, um sie der Herrschaft der iberischen Könige zu unterstellen. 

«Entdeckung» (lat. «inventio») wurde zum völkerrechtlichen Rechtstitel für Monopolansprüche südeuropäischer Herrscher auf den Handel mit fernen Völkern oder deren Unterwerfung. 

Solche Ansprüche wurden etwa in den Verträgen von Alcáçovas 1479 oder Tordesillas 1494 zwischen Portugal und Spanien wechselseitig bestätigt und durch päpstliche Bullen ratifiziert. 

Zu diesem speziellen Entdeckertyp rechnet Sezgin die muslimischen Hochseekapitäne jedoch nicht.


Was heisst «Entdeckung»?

Meint Sezgin indes, wenn er von «Entdeckung» spricht, nur im allgemeinen Sinne das Auffinden von etwas, das vorher nicht bekannt war, dann scheint er übersehen zu haben, dass muslimische Schiffe des Mittelalters vermutlich nicht zu den ersten Fahrzeugen zählten, die den Atlantik überquerten: 

Gelegentliche Überquerungen seit der Antike werden in der Geschichtsforschung als wahrscheinlich oder zumindest als möglich angenommen. 

So werfen Sezgins Thesen die weitergehende Frage auf, was als Akt des Entdeckens überhaupt verstanden werden kann, wenn man heute davon ausgeht, dass vor Kolumbus möglicherweise bereits Wikinger und davor vielleicht sogar Phönizier, Karthager oder Kelten mit ihren Schiffen die Küsten Amerikas erreicht hatten. 

In gewisser Hinsicht ist Amerika schon immer «entdeckt» gewesen, jedenfalls, seit während der letzten Eiszeit erstmals Menschen über das Gebiet der heutigen Beringstrasse aus Asien einwanderten. 

Aber auch im Blick auf das maritime Erreichen des amerikanischen Kontinents über dessen Atlantik- oder Pazifikküsten dürfte es schwierig bleiben, ein «erstes Mal» festzustellen. 

Und so räumt auch Sezgin ein, dass Bewohner der Alten Welt seit dem Altertum immer wieder die jenseits des Atlantiks liegenden Landmassen erreicht hatten. 

Insofern reihen sich die muslimischen Amerika-Besucher der präkolumbischen Zeit ihrerseits bloss ein in die lange Geschichte sporadischer Transatlantikfahrten.


Sezgins Ausführungen werfen immerhin ein interessantes Licht auf einen bisher vernachlässigten Aspekt in der Geschichte der imperialen Entdeckungsreisen zu Beginn der europäischen Expansion. 

Inzwischen wird in Kolumbus nicht mehr der geniale Ausnahmekapitän gesehen. 

«Kolumbus vollzog nur», schreibt der Frühneuzeithistoriker Wolfgang Reinhard, «was historisch-geografisch fällig war» («Geschichte der Welt. 

Weltreiche und Weltmeere 1350–1750», C. H. Beck, 2014). 

Wenn die Zeit gewissermassen reif war für einen Kolumbus, dann wirft dies die Frage auf, was Kolumbus über das weite Meer und die dahinter liegenden Küsten wusste, bevor er in Richtung Westen in See stach. 

Und hier könnte auch die Auseinandersetzung mit Fuat Sezgins Thesen zur Klärung dessen beitragen, was zu jenem Wissen möglicherweise muslimische Ozeanfahrer beisteuerten


Vielleicht war Kolumbus, in den Worten von Reinhard, nicht nur deswegen der «geborene Entdecker der Neuen Welt», weil er in seiner Person die Verbindung von «italienischem Know-how» und «iberischen Interessen» verkörperte, sondern auch, weil zu dieser Verbindung das kartografische Wissen arabischer Amerika-Fahrer hinzukam.

Prof. Dr. Michael Kempe ist Leiter der Leibniz-Forschungsstelle in Hannover und lehrt Geschichte an der Universität Konstanz.





Cc