Dienstag, 28. Oktober 2014

LETZTE EHRE FÜR SIEGFRIED LENZ IM HAMBURGER MICHEL. STAATSAKT FÜR EINEN EHRENBÜRGER. (HELIODA1)

Trauerfeier für Siegfried LenzAbschied von "Siggi"

 

Mit ihren Ehefrauen hätten "

Siggi

" und er über Gott und die Welt, El Greco, Händel, Moral oder Politik gesprochen, erzählt Helmut Schmidt in seiner Trauerrede.

(Foto: dpa)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/trauerfeier-fuer-siegfried-lenz-abschied-von-siggi-1.2194822

Bei der Trauerfeier für den Schriftsteller Siegfried Lenz hält sein enger Freund Helmut Schmidt die bewegendste Rede. Er nannte Lenz einen "Mann ohne erkennbare Schwächen" und einen "Ombudsmann des menschlichen Anstands".

Von Till Briegleb, Hamburg

Es war [Alt-Bilderberger u. Alt-KANZLER] Helmut Schmidt, der den wirklich bewegenden Moment bei der Trauerfeier für Siegfried Lenz im Hamburger Michel schuf, als er am Ende seiner Rede mit zitternder Stimme sagte: "Für mich war er ein Mann ohne erkennbare Schwächen. Ich werde ihn sehr vermissen."
Ohnehin war es der einst so kühl auftretende Schmidt, der dem öffentlichen Abschied in der vollbesetzten Kirche St. Michaelis seine emotionale und nicht nur staatstragende Seele verlieh. Er erzählte von der 30-jährigen engen Freundschaft mit Lenz, wie sie zu zweit oder mit ihren Frauen Loki und Liselotte in Hunderten Varianten des Beisammenseins über Gott und die Welt, El Greco, Händel, Moral oder Politik gesprochen hätten - und wie dann 2006 erst "Lilo", 2010 Loki und jetzt "Siggi" gestorben seien. Direkter kann Trauer nicht vermittelt werden als in einem solchen Moment tiefer Einsamkeit unter Hunderten Ehrengästen.

Zum Tod von Siegfried LenzEin großer Erzähler

Er war Soldat im Zweiten Weltkrieg, wollte danach Lehrer werden und ist spätestens seit der "Deutschstunde" einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Nun ist Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren gestorben.

Es war aber ebenfalls Helmut Schmidt, der sich einer wohlüberlegten Spitze gegen das christliche Zeremoniell in Hamburgs schöner Hauptkirche nicht enthalten konnte. Michel-Pastor Alexander Röder hatte einleitend von "wir Christen" gesprochen und eine nicht ganz passende Bibelstelle zum Zentrum seiner Rede gemacht: ein Gleichnis über fünf Zentner Silber, deren selbstlose Vermehrung durch uns "Knechte" mit der freudigen Einkehr beim Herrn belohnt werde.

Dieser Eingemeindung von Lenz ins Christliche musste Schmidt im Geiste der Aufrichtigkeit, die er als Kern ihrer Freundschaft beschrieb, widersprechen: Er und "Siggi", wie er Lenz konsequent nannte, seien sich immer darüber im Klaren gewesen, dass sie "keinen metaphysischen Trost erhoffen dürfen, der uns über die Vergänglichkeit hinweghelfen könne".




STAATSAKT FÜR EINEN EHRENBÜRGERLetzte Ehre für Siegfried Lenz im Hamburger Michel

Quelle: Mopo.
Rund 2000 Trauergäste kamen am Dienstag in den Hamburger Michel, um sich von Lenz zu verabschieden.
Rund 2000 Trauergäste kamen am Dienstag in den Hamburger Michel, um sich von Lenz zu verabschieden.
Foto: dpa


Am 7. Oktober verlor Hamburg einen Ehrenbürger: Der berühmte Nachkriegsautor Siegfried Lenz verstarb im Alter von 88 Jahren. Am Dienstag erweisen ihm rund 2000 Menschen die letzte Ehre, bei einer großen Trauerfeier im Michel.


Es ist ein Staatsakt: Schwarze Limousinen fahren vor, wichtige Personen aus Land und Ländern betreten die geschmückte Kirche. Hamburg und Schleswig-Holstein haben für ihren Ehrenbürger die Trauerbeflaggung angeordnet. 



Altkanzler Helmut Schmidt sagte in seiner Rede über Lenz: 

„Er hat sich selbst einen Schriftsteller genannt, aber hinter dem Schriftsteller blieb ein Philosoph einigermaßen verborgen, und in dem Philosophen steckte ein stringenter Moralist.“



Siegfried Lenz sei leise mit seiner Moral geblieben und habe sie dem Leser nicht aufgedrängt, sagte Schmidt, der mit dem Schriftsteller jahrzehntelang befreundet war. „Für Loki und für mich war Siegfried Lenz der Ombudsmann des menschlichen Anstandes.“ 

Mit Romanen wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“ sowie humorvollen Bänden wie „So zärtlich war Suleyken“ gehörte Lenz neben Heinrich Böll und Grass zu den großen Nachkriegsautoren. 

„Seine Erzählungen haben die Kraft, uns vor allzu einfachen Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu schützen“, sagte Bürgermeister Olaf Scholz in seiner Trauerrede. „Sie zwingen uns zum genauen Blick und mahnen uns, einander zuzuhören.“ Denn die Wahrheit komme nicht dröhnend daher, sondern meistens leise. „

Der Autor dieser leisen Wahrheiten wird uns fehlen. Seine Worte und seine Werke werden bleiben.“


Hamburg richtete die Trauerfeier in Absprache mit der Familie aus. Auf der Gästeliste standen unter anderem Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der Dichter Wolf Biermann, Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, und die Verleger-Witwe Friede Springer. 

Außerdem nahmen Thomas Ganske, Verleger des Hoffmann und Campe Verlags, dem Lenz sein Leben lang die Treue hielt, und der Theatermacher Jürgen Flimm Abschied von Lenz. Zu den Trauergästen zählte auch Tomasz Andrukiewicz, Stadtpräsident aus Elk/Lyck, der polnischen Geburtsstadt von Lenz. Durch den Gottesdienst führt Michel-Hauptpastor Alexander Röder. 

Die Trauerfeier wurde live vom NDR Fernsehen übertragen.

Nach der Zeremonie wurde Lenz im engsten Familienkreis beigesetzt, an der Seite seiner 2006 gestorbenen ersten Frau Liselotte, mit der er 57 Jahre verheiratet war. Lenz hinterlässt seine zweite Frau Ulla und eine Schwester.


Keine andere Rede reichte an diese Mischung aus tiefer Betroffenheit und Reserve gegen falsche Trostworte heran. Teils, weil die politischen Redner ihre Kenntnis von Siegfried Lenz vor allem Redenschreibern verdankten, wie es bei Olaf Scholz und Torsten Albig den Anschein hatte, den Landeschefs von Lenz' langjährigen Wahlheimatorten. Im Falle des Familienfreunds Karl-Heinz Ott, der die letzte Rede hielt, aber eher, weil der Schriftsteller zu sehr um einen neuerlichen Nachruf bemüht war und nur zum Schluss persönliche Nähe spüren ließ.


Aus all der geäußerten Zuneigung entstand noch einmal das Bild eines außergewöhnlichen Menschen, dessen schönste Wesenszüge laut Schmidt "Einfühlungsvermögen, Freundlichkeit und Bescheidenheit" waren. Oder wie Schmidt es in einem weiteren bewegenden Satz über die große Integrität seines Freundes sagte: "Für Loki und mich war Siggi immer der Ombudsmann des menschlichen Anstands."


Quelle und Bearbeiter: SZ vom 29.10.2014/cag




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