Freitag, 24. Oktober 2014

100 JAHRE LEICA FOTOGRAFIE. (HELIODA1)

DER MYTHOS LEBT WEITER

100 Jahre Leica Fotografie




24.10.14

DEICHTORHALLEN

 

100 Jahre Leica-Fotografie – Ein Zeitalter wird besichtigt

Die große Ausstellung zur Geschichte der Kultkamera zeigt im Haus der Photographie 570 Bilder von mehr als 140 Fotografen. "Augen auf!" ist das Motto der Schau, die bis 11. Januar zu besichtigen ist.

Von Tom R. Schulz
Foto: hrister Strömholm/Strömholm Estate,2014.
VJ DAY

Christer Strömholm/Nana Place Blanche Paris 1961

15 Bilder


















1914 

DER UR-KNALL

Oskar Barnack erfindet die Ur-Leica

Der erste von Oskar Barnack konstruierte funktionsfähige Prototyp einer neuartigen Fotokamera für 35 mm perforierten Kino-Rohfilm wurde im März 1914 fertig.


Geschichte kann man schreiben – oder fotografieren. Bereits seit 100 Jahren bewahren berühmte Fotografen aus aller Welt mit ihrer Leica Kamera einzigartige Momente. 

Augenblicke, die unvergesslich bleiben. Die vielleicht berühmtesten der zeitlosen Fotoikonen zeigt unser Film. Begeben Sie sich mit Leica auf eine Reise durch die Zeit. Mit Impressionen, die man immer wieder neu entdeckt. Und nie mehr vergisst.




 

1925

ERFOLG IN SERIE

Die Leica I wird der Öffentlichkeit präsentiert

Unter dem Namen Leica (Leitz Camera) wurde die von Barnack weiterentwickelte Kamerakonstruktion in Serie gefertigt und im März 1925 auf der Leipziger Frühjahrsmesse der Öffentlichkeit vorgestellt. 

Sie war mit dem nicht auswechselbaren, versenkbaren Objektiv Leitz Anastigmat 1 : 3,5/50 mm ausgestattet, das von Max Berek gerechnet worden war. 

Das Objektiv erhielt schon bald darauf den Namen Elmax (Ernst Leitz, Max Berek). Mit einem neuen optischen Glas rechnete Berek im gleichen Jahr das Elmar 1 : 3,5/50 mm, das – genauso wie Leica – weltberühmt werden sollte.



 

1932

BESSER MISST DAS

Die Leica II mit integriertem Entfernungsmesser

Ein entscheidender Entwicklungsschritt bei der mit Schraubgewinde ausgestatteten Leica gelang Oskar Barnack mit dem integrierten, an Wechselobjektive gekuppelten Entfernungsmesser. 

Das Prinzip dieses Ausstattungsmerkmals wurde bei allen nachfolgenden Leica Kameras mit Schraubgewinde und eingebautem Sucher bis 1957 beibehalten. 

Zum Leica System gehörten damals sieben von Max Berek entwickelte Wechselobjektive.




 

1954

DAS M STEHT FÜR MEILENSTEIN

Die Leica M3 ist bis heute Referenz des M-Systems

Das völlig neu konstruierte Kameramodell besaß einen Leuchtrahmen-Messsucher mit automatischem Parallaxausgleich und selbsttätig eingespiegelten Bildfeldbegrenzungen für die Brennweiten 50, 90 und 135 mm; außerdem ein Objektiv-Wechselbajonett sowie einen rastenden, nichtrotierenden Zeiteneinstellknopf. Als Zubehör wurde ein aufschiebbarer, mit dem Zeiteneinstellknopf kuppelbarer Belichtungsmesser geliefert. Der Filmtransport wurde durch einen Schnellspannhebel erheblich erleichtert. Die Leica M3 ist die Referenz für alle bis heute gefertigten Leica M-Kameras.



DER MYTHOS LEBT WEITER

100 Jahre Leica Fotografie



 

1968

DIE 68ER REVOLUTION

Die Leicaflex SL sorgt weltweit für Aufsehen

Dieses Modell war die weltweit erste Spiegelreflexkamera mit exakt begrenztem und im Sucher angezeigtem selektivem Messfeld für die Belichtungsmessung durch das Objektiv – im Mikro-, Makro-, Normal- und Fernbereich.




 

1996

S WIRD ERNST

Die S1, die erste Digitalkamera von Leica

Die erste Digitalkamera von Leica war eine Scannerkamera mit einer Bildauflösung von 5140 x 5140 Pixel. Wegen der relativ langen Scanzeiten war die Kamera für besonders hochwertige Reproduktionen in Archiven und Museen oder für Aufnahmen von Stillleben im Studio konzipiert worden. 

Neben Leica R- und M-Objektiven konnten mit Hilfe von Adaptern auch Objektive anderer Hersteller benutzt werden.




 

2006

ALLE ACHTUNG

Die Leica M8 ist das erste digitale M-Modell

Die erste digitale Leica M8 besaß einen rauscharmen CCD-Bildsensor mit 10,3 Mio. Pixel. Alle früheren Leica M-Objektive konnten hierfür genutzt werden, sofern sie nicht zu tief in das Gehäuse ragten. In den Messsucher wurden Leuchtrahmen für sechs Brennweiten paarweise eingespiegelt: 24 und 35 mm, 28 und 90 mm sowie 50 und 75 mm.

Da der Bildsensor der Leica M8 mit seinen Abmessungen von 18x27 mm kleiner als das Kleinbildformat war, wurde von den Leica Objektiven ein entsprechend kleinerer Ausschnitt erfasst. Diese Differenz wird durch den sogenannten Format- oder Crop-Faktor ausgewiesen. Bei der Leica M8 betrug dieser Faktor 1,33.




 

2009

EIN KLEINES WUNDER

Die X1 ist Leicas erste digitale Kompaktkamera. Made in Germany.

Mit dem APS-C-Format ist der CMOS-Bildsensor der kompakten Kamera genauso groß wie der vieler hochwertiger und größerer Spiegelreflexkameras. Trotz der hohen Auflösung von 12,2 Mio. Pixel bleiben die einzelnen Pixel auf dem Sensor noch sehr groß und sammeln viel Licht ein. Das sorgt für geringes Bildrauschen, einen hohen Dynamikumfang und eine akkurate Farberkennung. Die Leica X1 war mit dem Elmarit 1 : 2,8/24 mm ASPH. ausgestattet und brauchte einen Vergleich mit professionellen Kameras nicht zu scheuen.




AUGEN AUF!
100 JAHRE LEICA FOTOGRAFIE

24. OKTOBER 2014 − 11. JANUAR 2015 IM HAUS DER PHOTOGRAPHIE


Die Ausstellung AUGEN AUF! – 100 JAHRE LEICA FOTOGRAFIE zeigt in 14 Kapiteln Aspekte der Kleinbildfotografie − von journalistischen Strategien über dokumentarische Ansätze bis hin zu freien künstlerischen Positionen. Im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg werden u.a. Arbeiten von Alexander Rodtschenko, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Christer Strömholm, Robert Frank, Bruce Davidson, William Klein, William Eggleston, René Burri, Thomas Hoepker, Bruce Gilden präsentiert.

Rund 550 Fotografien von über 140 Künstlern, ergänzt um dokumentarisches Material − Zeitschriften, Magazine, Bücher, Werbemittel, Broschüren, Kameraprototypen, Filme − rekapitulieren die Geschichte der Kleinbildfotografie von den Anfängen bis in unsere Tage. Insgesamt folgt die von Hans-Michael Koetzle (München) kuratierte Ausstellung dem Gang der Technik- bzw. Fotografiegeschichte. Die Ausstellung wandert nach der Premiere in Hamburg weiter nach Frankfurt, Berlin, Wien und München.

Ein Eintrag im Werkstattbuch belegt: Spätestens im März 1914 hatte Oskar Barnack, seinerzeit Feinmechaniker bei Ernst Leitz, Wetzlar, das erste funktionstüchtige Modell einer Kleinkamera für 35 mm-Kinofilm fertiggestellt. Mit der kriegsbedingt erst 1925 eingeführten Leica (= Leitz / Camera) war nicht einfach ein neuer Fotoapparat erfunden. Die kleine, verlässliche, stets einsatzbereite, mit einem von Max Berek eigens gerechneten Hochleistungsobjektiv ausgestattete Leica markiert einen Paradigmenwechsel in der Fotografie. 

Nicht nur gestattete sie fotografierenden Amateuren, Quereinsteigern, emanzipierten Frauen einen leichteren Zugang zur Fotografie. Auch war mit der bequem in der Manteltasche zu tragenden Leica das Fotografieren zum selbstverständlichen Teil des Alltags geworden. Der vergleichsweise billige Kleinbildfilm stimulierte das fotografische Experiment. Neue Perspektiven wurden erprobt. Insgesamt gestaltete sich der visuelle Zugriff auf die Welt innovativer, mutiger, dynamischer. 

Keine Frage: Die von Oskar Barnack entwickelte, von Ernst Leitz II 1924 auf den Weg gebrachte Leica war so etwas wie die Antwort der Fotografie auf die phänomenologischen Bedürfnisse einer neuen, temporeichen Zeit.






Ein Kabinett zeigt in Glaskästen Devotionalien aus dem Hause Leica


An in Grauschattierungen getünchten Wänden reihen sich im Labyrinth der Deichtorhallen überwiegend Schwarz-Weiß-Fotos aus 100 Jahren auf. Damit den Betrachter die Bilderflut nicht erschlägt, haben die Kuratoren ihr Augenmerk auf Blickachsen gerichtet, die für Ruhe wie für Abschweifung sorgen, und sie haben kleine Bild-Inseln geschaffen, die thematisch begründet sind oder Beispiele aus dem Werk einzelner Fotografen bündeln.

Ein in Ochsenblutrot gehaltenes Kabinett zeigt in Glaskästen Devotionalien aus dem Hause Leica: einen in den eigenen Werkstätten hergestellten (funktionsuntüchtigen) Nachbau der Ur-Leica, das Original blieb offenbar nicht erhalten, all ihre Nachfolgemodelle, antike Filmrollen, Negativstreifen. Ein Bild aus dem Jahr 1925 zeigt Pressefotografen bei einer Arbeitsniederlegung; vor ihnen liegen klobige Glasplatten-Apparate, von denen man sich heute kaum mehr vorstellen kann, dass sich damit im Alltag fotografieren ließ. 

Tatsächlich verdankt die Kamera aus dem Hause Leitz ihre rasch wachsende Popularität der Mobilität und Schnelligkeit, die sie ihrem Benutzer erlaubte. Man musste keine zu belichtenden Platten mehr wechseln, denn im Bauch der Kamera lief eine ganze Filmrolle mit, die wiederholtes Auslösen ermöglichte. Das Objektiv verschwand im Apparat und der Apparat in der Manteltasche. Und der Schlitzverschluss machte nahezu kein Geräusch. Mit der kleinen, handlichen Kamera ließ sich beobachtend fotografieren, unauffällig und doch immer nah am Objekt.


Das Leica-Modell erlaubte erstmals spontanes Fotografieren


Kurator Koetzle nennt die erste in Serie gebaute Leica, die 1925 auf den Markt kam, "das Handy des frühen 20. Jahrhunderts". Tatsächlich erlaubte das Modell erstmals spontanes Fotografieren auch beweglicher Objekte für jedermann.

Was die Ausstellung jenseits aller Markenfixierung ziemlich unwiderstehlich macht, ist die Qualität der Bilder. Und es sind keineswegs nur die Aufnahmen berühmter Meisterfotografen, die den Blick auf sich ziehen. Es gibt kaum je gezeigte Fotos aus der Zeit Spaniens unter Franco und aus Portugal zu sehen, aus Island, Italien oder Japan. Die Leihgaben stammen aus privaten Sammlungen, aus Galerien und von vielen der Fotografen selbst.

Hier wird tatsächlich ein Zeitalter besichtigt, und dabei erweist sich der fremde Blick manchmal als besonders empfindsam für die Eigentümlichkeiten einer Region oder eines Landes. So betrachtet man etwa die Bilder des vor wenigen Tagen verstorbenen Schweizers René Burri aus dem Deutschland der 60er-, 70er-Jahre oder die von Thomas Hoepker aus den USA zur selben Zeit wie eindrückliche Aufnahmen eines Ethnologen, der Studien in der Fremde treibt. 


So ist die Welt, ein Kaleidoskop aus Katastrophen und Kuriositäten


Vor einer aus nur acht Bildern bestehenden Reihe von Magnum-Fotos stockt dem Betrachter der Atem. Ganz links hängt eine Aufnahme aus dem KZ Bergen-Belsen unmittelbar nach der Befreiung mit teilweise von Lumpen und zerschlissenen Wolldecken bedeckten Toten. Zwei Bilder weiter sitzt eine sehr britisch aussehende Dame vor malerischem Londoner Nebel in einem Automobil, daneben hängt eine Straßenszene aus dem China der 60er-Jahre. So ist die Welt, ein Kaleidoskop aus Katastrophen und Kuriositäten. Hier schnurrt sie auf engsten Raum zusammen.

Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie, bis 11.1.2015, Deichtorhallen, Deichtorstr. 1–2, geöffnet Di–So 1.00–18.00, jeden ersten Do im Monat 11.00–21.00, Zur Ausstellung erscheint ein Buch mit 1200 Abb., 576 S., im Kehrer Verlag, 98 Euro





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Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit!

Wissenschaftliche Referenz Gesamtschau-Digital: CARL HUTERs ORIGINAL-MENSCHENKENNTNIS & ETHISCHE SCHÖNHEITSLEHRE auf Hauptseite www.chza.de !