Mittwoch, 16. Juli 2014

HERBERT VON KARAJAN ZUM 25. TODESTAG - IN MEMORIAM. (HELIODA1)


HERBERT VON KARAJAN ZUM 25. TODESTAG

Erinnerungen an eine Ära



Sir Simon Rattle spricht über Herbert von Karajan

Am heutigen Mittwoch jährt sich der Todestag Herbert von Karajans zum 25. Mal. Wir möchten dieses Datum zum Anlass nehmen, an die Zusammenarbeit des Dirigenten mit den Berliner Philharmonikern zu erinnern, deren Chefdirigent er von 1956 bis 1989 war.


Auf einer eigens dafür eingerichteten Sonderseite sind in der Digital Concert Hall Aufzeichnungen der Produktionsfirma Unitel aus den sechziger und siebziger Jahren zu sehen, darunter Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt«, ein Brahms-Zyklus und Beethovens Symphonien Nr. 3, 6, 7 und 9 sowie die Dokumentation Karajan – The Second Life.

Am heutigen Gedenktag sind diese Filmdokumente ebenso wie der Mitschnitt des Gedenkkonzerts für Herbert von Karajan, das die Berliner Philharmoniker und Claudio Abbado im Sommer 1999 im Salzburger Dom gegeben haben, kostenfrei zugänglich.

Bis ins kommende Jahr hinein folgen in der Digital Concert Hall weitere Veröffentlichungen von Filmen mit Herbert von Karajan. In dieser Zeit werden wir außerdem mit Musikern der Berliner Philharmoniker über ihre Erinnerungen an Karajan sprechen und diese Gespräche in einer neuen Dokumentation zugänglich machen. Als erstes dieser Zeugnisse veröffentlichen wir bereits heute ein Interview mit Sir Simon Rattle über den Menschen und Musiker Karajan.

Hinzu kommt auf der Website der Berliner Philharmoniker eine weitere Sonderseite mit Texten und historischen Bildern, die eine Ahnung von dieser besonderen Ära in der Geschichte der Berliner Philharmoniker vermitteln.



Die Posen der Legende

Sein Vermächtnis umfasst rund tausend Platten, darunter mehr als 700 Studioaufnahmen: der legendäre Dirigent Herbert von Karajan.
Foto: Getty Images

Sein Vermächtnis umfasst rund tausend Platten, darunter mehr als 700 Studioaufnahmen: der legendäre Dirigent Herbert von Karajan.

Quelle: WELT Online.

Die schönsten Momente aus Günther Breests Berufsleben gibt es auf Platte. Er braucht sie nur aus dem Regal hinter dem alten Decca-Klappgrammofon zu ziehen. Hunderte CDs und Schallplatten drängen sich in seinem Studio und tragen irgendwo auf der Rückseite oder im Booklet seinen Namen. Es sind seine Aufnahmen, die er als Produzent für verschiedene Plattenfirmen betreut hat. Das Haus in Hamburgs schickem Nordstadtteil Wohldorf-Ohlstedt steckt voller Devotionalien, die an irgendwelche Klassiklegenden erinnern, von Kleiber bis Horowitz. Alle Breests Klienten.

An einer Wand hängt ein Bild von Herbert von Karajan, mit Karajans Handschrift. Er dankt Breest für "die harmonische Zusammenarbeit". Nach dem Interview legt Breest noch eine Aufnahme von Richard Strauss' "Heldenleben" auf und singt vor Begeisterung an einigen Stellen mit.

Die Welt: Herr Breest, wer hört besser, ein Dirigent oder sein Produzent?

Günther Breest: Ich denke doch der Dirigent. Der sitzt ja mittendrin. Seine Vorstellung vom Gesamtklang und von der Balancierung kommt ganz anders zustande als beim Aufnahmeleiter, der mit Kopfhörern oder Lautsprechern nebenan sitzt. Das Entscheidende passiert im Saal.

Die Welt: Sie haben in den Achtzigern jedes Jahr sechs bis acht Platten mit Herbert von Karajan aufgenommen. Wie viele Flops waren darunter?


Der Produzent Günther Breest (Jahrgang 1940); er arbeitete früher unter anderem als Senior Vice President der Deutschen Grammophon und wurde später Präsident von Sony Classical. Breest ist mittlerweile im Ruhestand
Foto: samuel zuderDer Produzent Günther Breest (Jahrgang 1940); er arbeitete früher unter anderem als Senior Vice President der Deutschen Grammophon und wurde später Präsident von Sony Classical. Breest ist mittlerweile im Ruhestand

Breest: Gar keiner. Es ist natürlich die Frage, was man unter einem Flop versteht. Wenn ich in den ersten drei Jahren 60.000 Exemplare einer neuen Karajan-Platte verkaufe, dann habe ich vielleicht eine normale Orchesteraufnahme refinanziert. Aber noch lange keine Opernaufnahme, die ja in der Produktion viel teurer ist – und 60.000 Opernsets zu verkaufen ist sowieso ziemlich schwierig. Nur ist das ja nicht das Ende vom Lied. Nach den ersten Jahren kommt dann die Zweitauswertung einer Platte, also mit neuer Verpackung zu günstigerem Preis. Dann gibt es immer wieder neue Aufmachungen oder neue Zusammenstellungen der Aufnahmen, bis heute. Wenn Sie das alles zusammenrechnen, hat sich jede Karajan-Platte gelohnt.

Die Welt: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Karajan?

Breest: Das war in seinem Büro bei den Salzburger Festspielen 1979. Ich war gerade zum leitenden Künstlermanager der Deutschen Grammophon befördert worden und musste einen Antrittsbesuch beim großen Star des Labels machen. Weil er fand, dass ihm das zusteht. Aber an Details erinnere ich mich nicht mehr. Unsere erste richtige Zusammenarbeit war die berühmte "Tosca"-Aufnahme aus demselben Jahr.

Die Welt: Wie lief ein typischer Studiotag mit ihm ab?

Breest: Bei einer normalen Aufnahme, was weiß ich, ein Album mit Mozart-Sinfonien, hat er nicht viel Zeit auf Vorproben verwandt. Er kam am ersten Aufnahmetag in die Philharmonie, probte dort intensiv, besprach die Tempi, die klanglichen Nuancierungen. Und wenn er bereit war, machten wir das Band an. Er hat eigentlich immer Durchläufe gemacht: einen ganzen Satz gespielt bei laufendem Tonband, und das war's. Andere Dirigenten, Abbado oder Solti zum Beispiel, haben lieber einzelne Schnipsel aufgenommen und am Ende zusammenschneiden lassen. Karajan wollte den großen Fluss und hat sich nur ungern auf Korrektur-Takes eingelassen. Er wollte den Atem, das gemeinsame Denken vom ersten Ton bis zum letzten.

Die Welt: Während der berühmten "Zauberflöte"-Produktion von 1980, seiner erster Digitalaufnahme, war Karajan mit der Darbietung der drei Damen unzufrieden. Er wollte, dass sie ihre Gefühle einem mächtigen Zauberer gegenüber stärker ausdrücken, und rief: "Denken Sie an mich!" War die Stimmung heiter in den Sitzungen?

Breest: Er konnte schon witzig sein, aber vor allem war er psychologisch gewieft. Der konnte die Sänger zu Höchstleistungen bringen mit seinen Tricks. Die drei Damen zum Beispiel kamen ins Studio und bekamen nicht eine einzige Probe mit Karajan. Erst waren sie verwirrt, aber Karajan hat ihnen damit unterschwellig das Gefühl gegeben: Ihr könnt das. Mit der armen Karin Ott, die auf der Platte die Königin der Nacht singt, war es dasselbe. Die hatte unglaubliche Angst vor der großen Arie. Er ließ sie tagelang warten und meinte immer nur: "Das kommt schon, wir finden den richtigen Moment." Irgendwann ist er ganz unvermittelt auf sie zugegangen und meinte: "Jetzt." Wumm! Und sie konnte es.

Die Welt: Gab es auch Musiker, mit denen er nicht gut klarkam?

Breest: Wenige. Einmal gab es Ärger mit dem Pianisten Ivo Pogorelich, der damals noch nicht mal 30 war. Sie spielten das erste Tschaikowsky-Klavierkonzert im Wiener Musikverein. Bei der ersten Probe ließen wir das Band laufen. Karajan und Pogorelich spielten in völlig unterschiedlichen Tempi. Es klang grauenhaft – das Tape habe ich heute noch. Am Ende sprach Karajan kein Wort mit Ivo. Er wandte sich nur ans Orchester und sagte: "Wir haben einen Programmwechsel. Wir spielen morgen Abend Tschaikowskys Vierte statt des Klavierkonzerts." Dann verließ er den Saal. Um Ivos Gesicht zu wahren, sagten wir der Presse, er habe sich den Arm verrenkt und könne nicht spielen. Am nächsten Abend setzte er sich im Publikum in die erste Reihe, mit einer weißen Armbinde.

Die Welt: Wie war es nach den Sitzungen? Nette Partys?

Breest: Karajan hat ja nie die großen Gesellschaften gesucht. Eigentlich liebte er die Einsamkeit, Natur, Kontemplation. Er zog den kleinen, privaten Rahmen vor. In Berlin wohnte er immer im "Kempinski", immer in derselben Ecksuite im Altbau. Er ließ seine Sachen auch dort, wenn er gar nicht in Berlin war, die wurden eingelagert. Wir, also seine Entourage, haben abends nach einer Aufnahmesitzung oder einem Konzert sehr oft in seiner Suite gegessen, mit Room Service. Er war immer erschöpft und fertig und nahm erst mal ein Bad.

Die Welt: In Ihrem Beisein, wie so ein Barockfürst?

Breest: Wir haben ihm nicht das Handtuch gehalten. Wir warteten im Salon. Er kam dann in so einem Trainingsanzug heraus, und wir verbrachten an seinem Esstisch den Abend, in einer Dreier- oder Viererrunde. Manchmal haben wir beide uns, weil wir das lustig fanden, vor der Minibar auf den Boden gelegt und einen schönen Wodka genommen. Aber exzessiv wurde er nie.

Die Welt: Was erzählen die späten Aufnahmen über den Menschen Karajan?

Breest: Für mich ist entscheidend, dass er im Alter eine spürbar andere, langsamere Tempoauffassung hatte. Vielleicht bedingt durch einen veränderten Herzschlag, ich weiß es nicht, oder durch seine ganze Einstellung zum Leben. Dieser Mann war ja sehr, sehr krank und konnte sich sein Werk nur noch mit äußerster Disziplin abringen. Er wusste, dass die Uhr tickte. Wenn Sie zum Beispiel das Neujahrskonzert von 1987 hören, wo er so labil und angeschlagen ist, das klingt so unglaublich nostalgisch. Sie spüren bei aller vermeintlichen Walzerfröhlichkeit eine innerliche Distanziertheit von der Welt, ein Abschiednehmen. Zauberhafte Aufnahme. Unwiederholbar.

Die Welt: Wie lief Ihre letzte persönliche Begegnung?

Breest: Das war im Februar 1989, wenige Monate vor seinem Tod. Karajans letztes Gastspiel mit den Wiener Philharmonikern in der New Yorker Carnegie Hall, mit Bruckners Achter. Eines der gigantischsten Schreikonzerte, die ich je erlebt habe. Das Publikum flippte aus nach dem Schlusston. Natürlich hatte jeder im Saal Angst, dass sie ihn zum letzten Mal sehen würden. Auch die Musiker. Ich ging nach dem Konzert hinter die Bühne und sah, wie exhausted der Mann war. Er saß da auf einem Stuhl. Das Orchester defilierte zum Abschied an ihm vorbei. Jeder Musiker trat an ihn heran, küsste seine Hand. Karajan hatte Tränen in den Augen.

Die Welt: Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Breest: Über Kollegen von Sony. Mittlerweile hatte ich die Grammophon verlassen und war nach Amerika zur CBS gewechselt, die zu Sony gehörte. Für zwei hochrangige Sony-Repräsentanten hatte ich Gespräche organisiert mit Karajan über seine Home-Video-Serie "His Legacy". Diese Videos sollten auf dem besten Medium herauskommen, das es damals gab, nämlich die Laserdisc. Die Verhandlungen fanden in Karajans Haus in Anif bei Salzburg statt. Karajan führte sie von seinem riesigen Bett aus. Das hatte so einen hölzernen Rand, auf dem die Sony-Leute sitzen konnten. Sein Schlafzimmer war ein großartiger Raum mit einem tollen Blick auf den Untersberg. Und während sie redeten, bekam Karajan plötzlich seinen Herzinfarkt. Eliette wurde hochgerufen. So endete es.

Die Welt: Am Mittwoch ist Karajans 25. Todestag. Welche Platte werden Sie auflegen?

Breest: Mein Lieblingsstück sind die "Vier Letzten Lieder" von Richard Strauss. Auch Karajans letzte Aufnahme von dem Zeitmonolog aus dem "Rosenkavalier" ist so was von genial. Darum geht es ja: Abschied, leb wohl.

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JETZT ONLINE: KARAJAN DIRIGIERT BEETHOVENS SYMPHONIE NR. 9

Lyrische Schönheit


Beethovens Neunte Symphonie, die Berliner Philharmoniker und Herbert von Karajan: Dieser Dreiklang steht geradezu repräsentativ für die klassische Musik. In diesem seinen ersten Video-Mitschnitt der Symphonie gab Karajan zugleich sein Debüt als Filmregisseur.




JETZT ONLINE: KARAJAN DIRIGIERT BEETHOVENS SYMPHONIE NR. 6

Expressionistische »Pastorale«


Die emotionalen und realen Stürme in Beethovens »Pastorale« werden in dieser Interpretation mit den Berliner Philharmonikern und Herbert von Karajan mit rauschender Emphase wiedergegeben. Sie wird noch intensiviert durch ein innovatives, oft expressionistisches Filmkonzept des Regisseurs Hugo Niebeling.





AUS DEM ARCHIV: GEDENKKONZERT FÜR HERBERT VON KARAJAN VON 1999

Mozarts Requiem aus Salzburg


In einem Zeitungsinterview bekannte Claudio Abbado einmal, Herbert von Karajan sei »wie ein Vater« für ihn gewesen. So war es für ihn nicht nur Verpflichtung, sondern ein inneres Anliegen, 1999 anlässlich von Karajans zehntem Todestag ein Gedenkkonzert der Berliner Philharmoniker im Salzburger Dom zu dirigieren. Auf dem Programm stand das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart.




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