Mittwoch, 11. Juni 2014

DER VOR 150 JAHREN GEBORENE RICHARD STRAUSS WAR DER ERFOLGREICHSTE KOMPONIST SEINER ZEIT. (HELIODA1)

Richard StraussWas für ein begabter Kegelbruder!


Der vor 150 Jahren geborene Richard Strauss war der erfolgreichste Komponist seiner Zeit. 


Man hat sich angewöhnt, seine himmlische Musik von seinem spießigen irdischen Lebenslauf sauber zu trennen. Warum?


Quelle: FAZ.

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Erfolgreich und angesehen. Auch heute ist Richard Strauss ein Komponist, an dem niemand vorbei kommt.

Strauss ist heute immer noch, was er schon zeitlebens unbedingt sein wollte und auch wurde: der meistgespielte Komponist des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Größte. Der, an dessen Werk niemand auf dem Musikmarkt vorbeikommt. Glückwunsch! 

Aber außerdem – und diese Feststellung ist weder spitzfindig, noch übertrieben – muss man in Richard Strauss, nachdem Jean Sibelius endlich durchgesetzt und repertoirefähig wurde, was ebenso von der Neuen Wiener Schule gilt, nunmehr den Verkanntesten und Umstrittensten unter den Komponisten der Moderne erkennen; einer „Moderne“, an der er zugleich entschieden Anteil nahm, die er aber auch von Herzen verachtete. Dies ist der erste Widerspruch.

Es gibt noch einen zweiten. Bis heute wird die Strauss-Rezeption geprägt von der breitesten und rückhaltlosen Anerkennung des handwerklichen Könnens einerseits und, andererseits, von einem tiefen Unbehagen an der Unmoral und Unernsthaftigkeit dieses ambivalenten Menschen, den man auf keinem Foto je lächeln sah, und seiner teils verführerischen, teils überwältigenden Musik.

Dieser Widerspruch spiegelt sich selbst noch in den jüngsten musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Strauss-Jubeljahr. Da wird, wie seit eh und je, vom Einerseits ins Andererseits geeiert und wieder zurück. 

Einzig Walter Werbeck, verdienstvoller Herausgeber des neuen, bei Metzler-Bärenreiter verlegten Richard-Strauss-Handbuches, nimmt einen neuen Anlauf. Er versucht in seinem Beitrag „Strauss-Bilder“ einige der kursierenden Klischees vom „skatspielenden Bajuwaren“ oder vom „Verräter an der Moderne“ oder vom gemütvollen Nazi-Kollaborateur zu korrigieren. 

Davon abgesehen lacht man heute noch gern über den alten Witz, den sich der gescheite Komponistenkollege Adrian Leverkühn einst erlaubt hat, aus Anlass einer „Salome“-Aufführung – oder vielmehr, über das, was Thomas Mann diesem seinem Romanhelden dazu 1947 in den Mund legte: 

Was für ein begabter Kegelbruder! Der Revolutionär als Sonntagskind, keck und konziliant. Nie waren Avantgardismus und Erfolgssicherheit vertrauter beisammen. Affronts und Dissonanzen genug. - und dann das gutmütige Einlenken, den Spießer versöhnend und ihm bedeutend, daß es so schlimm nicht gemeint war.“


„Salome“, „Rosenkavalier“ und „Metamorphosen“


Ja, wir bewundern die Musik von Richard Strauss. Manchmal lieben wir sie sogar. Vielmehr: Einiges davon. Und es gibt etliche schöne Stellen, die man nicht anders als lieben kann und muss.

Der trunkene Ruf des jungen Narraboth zum Beispiel, wenn er die Prinzessin Salome mit dem Mondlicht vergleicht. Oder Salomes Tanz, womit sie sich den Kopf des Jochanaan erwirbt. Ihr Kuss. 

Oder Elektra, wie sie tanzt und zugrunde geht daran. Ihr bitonaler Fortissimoschrei. Ihre wortlose Glückseligkeit, die still im Orchester aufblüht, als sie Orest erkennt. Oder die mit einer altmodischen Verzierung, einem höflichen Kringel, wie aus der Luft gezogen, beginnende Introduktion zu „Capriccio“, diesem sentimentalen Eskapismus-Sextett aus blutiger, dunkler Zeit. 

Oder das Rätsel der schwärzlichen, schmerzlichen, späten „Metamorphosen“ von 1945, darin Strauss vielleicht einen fundamentalen Lebensirrtum bedauert hat; vielleicht aber auch einfach nur der Trauer Ausdruck gab, das die schönen Opernhäuser, in denen man seine Werke aufgeführt hatte, jetzt kaputtgebombt waren und sein schönes Geld futsch war. 

Oder aber, aus der frühen Zeit, das heitere öffentliche Selbstgespräch der Marschallin. Oder das geniale finale Terzett aus dem letzten Akt vom „Rosenkavalier“, wovon zwar die wenigsten je ein Wort verstanden haben, weil da zwei, nein, drei hohe Frauenstimmen einander umschlingen, jedoch die Töne dennoch in vielen Zungen überdeutlich sprechen von dem, was im Innern dieser drei da gerade an Unaussprechlichem so vor sich geht.

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Er wollte das Rad nicht neu erfinden, sondern mit seiner Musik erfolgreich sein: Richard Strauss in jungen Jahren.

Visuelle Klanglichkeit“ hat die Musikwissenschaftlerin Anna Amalie Abert diesen Zustand einmal genannt. Worte versagen, sie zerbröseln, sie kündigen den Dienst auf; und das Orchester springt dafür ein. 

Mit Tonmalerei im wörtlichen Sinn, dem Nachzeichnen etwa von Vogelruf, Schwerterklappern, Blitz und Donnerhall, wie es seit der frühen Barockmusik beliebt und üblich war, hat diese Sprache des „Visuell-Klanglichen“ bei Strauss nichts mehr gemein. Vielmehr mit romantischer Seelenmalerei – und natürlich mit der Autonomie des psychologisierenden Wagnerschen Orchesters, das immer etwas gescheiter ist, als die Sänger es sein dürfen.

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Ein Denkmal für die Gattin


Aber kräftig, wie die Alten, mit den Tönen gemalt, hat Strauss auch, ganze Gebirge, auch Gewitter und Sonnenauf- und -untergänge, und aus einem banal monotonen Falkenruf gleich ein handlungstragendes Motiv abgeleitet. 

Letztlich hat Richard Strauss keines der tonsetzerischen Verfahren und keine der überlieferten Formen, mit deren virtuoser Kombination und raffinierter Weiterentwicklung er so durchschlagende Wirkung erzielte, neu in die Welt gesetzt. Er ist kein Originalgenie. Er hat nicht das Rad noch einmal neu erfinden oder dem Fortschritt der Menschheit dienen wollen, wie sein Antipode Schönberg und andere es vorhatten. Strauss war von dem bescheidenen Ehrgeiz beseelt, gute Musik zu schreiben, die ihm selbst gefallen sollte und möglichst vielen anderen auch. Und, damit Erfolg zu haben. Und, gut zu leben davon. Man muss sagen, das alles ist ihm weitgehend geglückt.

Für einen, der seine wohlbehütete Wunderkind-Laufbahn schon in der Jugend als Wagnerianer begann, aus dem familiären Widerspruch heraus zum hornspielenden Vater, der seinerseits Richard Wagner hasste –, ist die aus vielen Farbfäden fein gesponnene und brutal klar artikulierende Orchestersprache von „Salome“ oder „Elektra“ eine eigenständige Weiterentwicklung der „Ring“-Orchestersprache. Und der „Rosenkavalier“ in seiner märchenhaft abgeschotteten, abgefälschten Rokoko-Künstlichkeit lässt sich als wienerische Antwort begreifen auf die butzenscheibenbunte Puppenstube der Nürnberger „Meistersinger“. Allerdings singen die Sänger, auch wenn man sie manchmal nicht wörtlich verstehen darf in den großen Strauss-Opern, doch viel lieber Strauss als Wagner, einfach, weil er für die Stimme schrieb wie sonst keiner.

Was ebenfalls biographisch zu begründen ist: Strauss komponierte Vokales unter Einfluss seiner Gattin, der fabelhaften, auch legendär cholerischen Sopranistin Pauline de Ahna, seinem lieben „Zornbrötlein“, unter dessen Pantoffel er sich wohl fühlte und der er in der „Sinfonia domestica“, wie sich selbst als jungem Kerl in „Heldenleben“, ein schönes Denkmal setzte: eine symphonische Dichtung, wie sie sich Franz Liszt noch nicht hätte träumen lassen, mit „Papa“-, „Mama“- und „Bubi“-Thema in F-Dur, H-Dur, D-Dur, und mit einem zünftigen Familienstreit, der sich in Wohlgefallen löst.



Kein Bild vom „ganzen Strauss“


Strauss war, im Unterschied zu Wagner und auch im Unterschied zu seiner Frau Pauline, kein Antisemit. Aber er war ein entschiedener Antidemokrat, der seine Interessen stets durchsetzte ohne Rücksicht auf Verluste. Auch bei anderen Komponisten, bei allen vermutlich, spiegelt sich das Leben im Werk. Biographisches ist nie zu trennen vom Musikalischen. Nur, dass dies im Falle Richard Strauss erstmals so dreist und so deutlich geschah. Und es wurde ja von ihm selbst in lächerlicher Selbstverständlichkeit ganz offen betrieben.

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VergrößernStrauss Villa in Garmisch, heute Standort des Richard-Strauss-Archivs

Aus diesem Grund ist der Komponist Strauss unteilbar, und alle Versuche, seine reiches Œuvre von anderer, zeitgeschichtlicher oder politischer Warte aus zu kategorisieren in gut oder schlecht, original oder epigonal, fortschrittlich oder reaktionär, können nur scheitern. 

Man hat sich, zum Beispiel, unter dem Einfluss nicht zuletzt Adornos, daran gewöhnt, die frühen Opern und Tondichtungen streng zu trennen von den späten, die als Zurücknahme der Moderne stigmatisiert und wenn, dann mit schlechtem Gewissen aufgeführt werden. Man hat sich aber auch daran gewöhnt, Werke wie „Capriccio“ oder „Die Liebe der Danae“ zu goutieren, ohne über die Günstlingsrolle, die Strauss im „Dritten Reich“ spielte, zu sprechen. 

Umgekehrt werfen die kritischen Studien zum Reichsmusikkammerpräsidenten keinen Seitenblick auf dessen Musik. Das Buch, das vom ganzen Strauss berichtet, von dem, den wir lieben und dem, der uns peinlich ist, wurde bis jetzt noch nicht geschrieben.

Die wichtigsten Richard-Strauß-Geburtstagsfeiern

In München, wo Richard Strauss heute vor hundertfünfzig Jahren geboren wurde, werden zur Feier des Tages am Richard-Strauss-Brunnen sowie an vierzehn weiteren Orten stündlich Klangboxen die Musik des Jubilars erschallen lassen. Nur die Bayerische Staatsoper spielt lieber Bellini.

Anders Garmisch, quasi das Bayreuth der Straussianer: Hier, vor prachtvoller Bergkulisse, lebte der Komponist vierzig Jahre lang in einer Villa, die er sich 1906 von den Einnahmen aus seiner Oper „Salome“ gekauft hatte. Ein Festspielhaus hat Garmisch zwar noch immer nicht, sehr wohl aber ein Strauss-Festival, das zurzeit von der Sängerin und Regisseurin Brigitte Fassbaender geleitet wird, unvergessen als Octavian im legendären Münchner „Rosenkavalier“ unter Carlos Kleiber. Fassbaender stellt heute um 15 Uhr in Garmisch eine umfangreiche neue Plattenedition vor, die sämtliche Strauss-Lieder enthält, mit jungen Sängern. Zur Präsentation sind „Überraschungsgäste“ angekündigt. Am Abend gastiert dann die Frankfurter Oper in Garmisch mit der „Liebe der Danae“ op.83, einem seltenen Juwel aus dem Spätwerk von Strauss.

Zwischen 1898 und 1918 arbeitete Strauss als königlich preußischer Hofkapellmeister in Berlin. Er war in diesen zwanzig Jahren so produktiv wie nie zuvor und hernach. Trotzdem gilt Berlin nicht eigentlich als Strauss-Stadt, denn die großen Opernerfolge jener Jahre – „Salome“, „Elektra“, „Rosenkavalier“ – wurden in Dresden erzielt. Dort wird heute dementsprechend geklotzt. 

Alle neun Strauss-Opern, die an der Semperoper uraufgeführt wurden, sind ausschnittsweise dran: neben den bereits genannten also „Feuersnot“, „Intermezzo“, „Ägyptische Helena“, „Schweigsame Frau“, „Arabella“ und „Daphne“. Es singen: Anja Harteros und Camilla Nylund, Christian Thielemann dirigiert, Beginn: 20 Uhr. 

Exakt zur gleichen Zeit wird das riskanteste, interessanteste Geburtstagsständchen in der Berliner Philharmonie von Maestro Marek Janowski zelebriert, mit dem Rundfunkchor Berlin und dem Rundfunksinfonieorchester Berlin: Die „Deutsche Motette“ nach Friedrich Rückert für Solisten und sechzehnstimmigen Chor a cappella gilt als eines der schwierigsten Werke, die je für Chor komponiert wurden. Außerdem dirigiert Janowski die „Tageszeiten“ sowie die „Metamorphosen“ für dreiundzwanzig Solostreicher.

In Wien gedenkt man des vormaligen „Herrn Direktors“ heute mit einer Repertoirevorstellung von „Ariadne auf Naxos“. Richard Strauss leitete die Staatsoper von 1919 bis 1924. 

Seine Direktionszeit im Haus am Ring war letztlich spektakulär missglückt, wie eine Ausstellung im Gustav-Mahler-Saal dokumentiert, die heute eröffnet wird. Also, warum sich groß anstrengen? Die „Ariadne“-Inszenierung von Sven Eric Bechtolf war schon in Salzburg zu sehen. Immerhin, der heutige Chef, Franz Welser-Möst, dirigiert selbst. Die Vorstellung wird live auf den Herbert-von-Karajan-Platz übertragen.

In Marquartstein im Chiemgau, wo Strauss heiratete und an der „Salome“ schrieb, soll heute eine Skulptur enthüllt werden. Ob es dazu kommt, ist bei Redaktionsschluss noch offen. Der abgeschlagene Kopf in dem Denkmalentwurf von Walter Angerer war im Gemeinderat bis zuletzt umstritten.

wild.


 

Quelle: DKFZ Heidelberg 1987. Publikation Leserbrief Wolfgang Timm, Husum zur Erstausgabe "Einblick" des Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.


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