Donnerstag, 6. März 2014

SCHWEIZ: GEWACHSENE SKEPSIS GEGENÜBER DER ZUWANDERUNG. WENIGER AKZEPTANZ IN DEN AGGLOMERATIONEN. (HELIODA1)

Weniger Akzeptanz in den Agglomerationen

Gewachsene Skepsis gegenüber der Zuwanderung

Quelle: NZZ
Linkhttp://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/gewachsene-skepsis-1.18256568?extcid=Newsletter_06032014_Top-News_am_Morgen
Schweiz 
Agglomeration: Pendler steigen im Bahnhof Affoltern in die S-Bahn.
Agglomeration: Pendler steigen im Bahnhof Affoltern in die S-Bahn. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Die Ablehnung der Freizügigkeit ist primär dort gestiegen, wo die Folgen der Zuwanderung subjektiv als besonders akut wahrgenommen werden: in den Agglomerationen.
Peter Moser

Über das Sensationsresultat der Masseneinwanderungsinitiative ist in den vergangenen Wochen viel Tinte vergossen worden. Die Fixierung auf dessen räumliches Muster und der Rückgriff auf die simplen Stereotype, die sich darin wieder einmal spiegelten, verhinderten freilich, dass man sich mit der Entwicklung der Haltung zur Personenfreizügigkeit vertieft auseinandersetzte. 

2000 wurde sie als Kernstück der bilateralen Verträge von 67,2 Prozent des Stimmvolkes angenommen. Zur Initiative, welche sie zur Disposition stellt, sagten 2014 nur noch 49,7 Prozent Nein. Die Zustimmung hat also seither um 17,5 Prozentpunkte abgenommen.


Begriff Agglomeration

Definition

räumliche Konzentration von Elementen im Raum (v.a. von Unternehmen). Eine Agglomeration ist das Ergebnis und die Folge von Standortvorteilen (Standortfaktoren) bei der Verdichtung von Unternehmen gleicher (localization economies) und unterschiedlicher Branchen (urbanization economies).

Beispiele: Branchencluster (Cluster), Einkaufszentren, Factory Outlets, Fußgängerzonen.

Agglomeration steht auch für den Prozess der Anhäufung und Verdichtung von Siedlungen und Wirtschaftsbetrieben.

Quelle: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/agglomeration.html


Stadt - Land


Die räumlich hochaufgelöste Abstimmungsstatistik zeigt nun, bei wem und weshalb der Rückhalt für die Personenfreizügigkeit vor allem verloren ging. Die Entwicklungsperspektive zeitigt Ergebnisse, die wider den Strich des Diskurses über das Resultat vom 9. Februar laufen. 

So schwand die Zustimmung zur Personenfreizügigkeit in der Romandie mit 19 Prozentpunkten sogar etwas stärker als in der Deutschschweiz, wo sie nur um 18 Prozentpunkte zurückging. Am geringsten war der Rückgang übrigens in der italienischsprachigen Schweiz (6 Punkte), wobei dort allerdings der Spielraum nach unten auch am ehesten begrenzt war. Der Röstigraben wurde aus dieser Sicht also eingeebnet.













Wie steht es mit dem Graben zwischen Stadt und Land? 

Der Akzeptanzverlust der Personenfreizügigkeit war mit 10 Prozentpunkten am urbanen Pol des Kontinuums, in den fünf Grossstädten, klar unterdurchschnittlich. Unterdurchschnittlich war der Rückgang der Zustimmung aber auch am anderen Ende der Skala, in der ländlichen Peripherie (–16 Prozentpunkte). 

Weitaus am stärksten geschrumpft ist die Zustimmung in den Agglomerationen (–20 Punkte) – jenen Gebieten, die auf dem Stadt-Land-Kontinuum eine Mittelstellung einnehmen. Sehr ausgeprägt trifft dies zumindest für die Deutschschweiz zu. 

In der Romandie nahm die Akzeptanz auch in den periphereren Gebieten ab, und der Kontrast zwischen Lausanne und Genf und deren Umland ist geringer als in der Deutschschweiz. 

So zieht sich entlang der Mittellandhauptachse von Rorschach im Osten über den Ballungsraum Zürich, das Glatt- und das Limmattal bis in den Arc Lémanique hinunter eine nur von den Kernstädten unterbrochene Zone von Agglomerationsgebieten, in denen die Zustimmung zur Personenfreizügigkeit zusammenbrach. 

In den strukturschwachen Gebieten zwischen Bern und Freiburg und am Jurasüdfuss befindet sich dabei der tiefste Punkt dieser Senke.



Warum dieser Akzeptanzschwund im Verlauf von 14 Jahren gerade in den gut erschlossenen Gebieten entlang der Verkehrsachsen? 

Die besondere Problematik dieses Raums besteht darin, dass er weder fraglos Stadt noch wirklich Land ist. 

Die Selbstauswahl der Bewohner der Grossstädte ist Dichte und Wandel gewohnt oder sucht sie sogar: Die Stadt ist wesensgemäss Brennpunkt der Innovation, Durchmischung und permanenten Veränderung. 

Umgekehrt ist das Land seit je Hort einer wertkonservativen Skepsis gegenüber dem Fremden und raschem Wandel. Auch seine Bewohner sind das Resultat einer Auslese – denn es zieht weg, wer die Bedächtigkeit nicht erträgt. 

Dies erklärt die vergleichsweise Stabilität der konträren Haltungen zur Personenfreizügigkeit an den Polen des Stadt-Land-Gegensatzes, zumal in der Deutschschweiz


[AGGLOMERATION]

Die Agglomeration ist die Zone der ausgreifenden Zersiedelung, in der soziale Strukturen, Orts- und Landschaftsbilder in den letzten Jahrzehnten umgepflügt wurden. 

Die universelle Verfügbarkeit des Autos, der Ausbau des Strassennetzes und die S-Bahn-Erschliessung haben das Umland wie nie zuvor erreichbar gemacht und ein Bevölkerungswachstum durch Zuzüger ausgelöst, die ihr Leben zwischen Wohn- und Arbeitsort führen.



Mobilität ist politisch


Der «Dichtestress» ist (wenn überhaupt hierzulande) Realität für die Pendler aus den Agglomerationen. 

Die Trennung von Arbeits- und Wohnort setzt günstige Mobilität voraus. Das ressourcenintensive Bevölkerungswachstum wird aber politisch vermehrt als Problem thematisiert: 

Steuerabzüge für Pendler und der nachfragegesteuerte Ausbau der Bahninfrastruktur werden hinterfragt, Benzin- und Billettpreiserhöhungen erwogen. Den sub- und periurbanen Lebensstil trifft dies im Kern.


Die mit der Personenfreizügigkeit einhergehende qualifizierte Zuwanderung wird zudem als direkte Konkurrenz wahrgenommen. Sie strebt in die Städte, wo ihre Kaufkraft Preissteigerungen in den Wohnungsmärkten auslöst. Die Verdrängten sammeln sich in der Agglomeration. 

Nicht von ungefähr hat die neue SVP Blochers hier besonders zugelegt. Ihre Ideologie und Politik zielt darauf ab, bewährte Übersichtlichkeit zu erhalten oder sogar zu restaurieren. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative soll die Dynamik des Wandels drosseln, den das starke Bevölkerungswachstum auslöst. Dass die Skepsis gegenüber der Freizügigkeit dort stark wuchs, wo ihre (vermeintlichen oder realen) Folgen besonders akut empfunden werden, ist kein Zufall.


Peter Moser ist stellvertretender Chef des Statistischen Amts des Kantons Zürich und Leiter der Analyseabteilung. Er gibt hier seine persönliche Meinung wieder.

MEHR ZUM THEMA




 

***

Für alle auf "HELIODA1 BLOG" veröffentlichten Inhalte, Kommentare, Meinungen und Blogs sind ausschließlich ihre Autoren verantwortlich. Diese Beiträge stellen nicht die Meinung der Redaktion dar. Wissenschaftliche Referenz Gesamtschau-Digital: CARL HUTERs ORIGINAL-MENSCHENKENNTNIS & ETHISCHE SCHÖNHEITSLEHRE auf Hauptseite www.chza.de ! 

Motto von Carl-Huter-Zentral-Archiv: WISSEN in Liebe IST MACHT statt Geld ist Macht!