Mittwoch, 18. Dezember 2013

IN MEMORIAM - WILLY BRANDT - ZUM HEUTIGEN 100. GEBURTSTAG. LAUDATOR BJÖRN ENGHOLM. (HELIODA1)

"BRANDT-ENKEL" BJÖRN ENGHOLM ZUM 100. GEBURTSTAG WILLY BRANDTS

So war das mit
Willy in der Sauna

VergrößernWilly Brandt bei einem Treffen mit Björn Engholm im Jahr 1991 in Bonn

Willy Brandt bei einem Treffen mit Björn Engholm im Jahr 1991 in Bonn

Foto: imago


[NB by W. Timm / Carl-Huter-Zentral-Archiv: Anfang der Achziger Jahre hatte ich Willy Brandt bei einer 1. Mai Kundgebung in Hamburg live gesehen. In seinem Todesjahr 1992 hatte ich noch mit Björn Engholm u.a. als damals wohnhaft in Berlin, Ku'Damm "EinsZweiDrei" an einem sogenannten Hauptstadtspaziergang im Ostteil der Stadt Berlin teilgenommen, der damals mit Willy Brandt angekündigt war. Brandt fehlte jedoch.]




  • Von MINISTERPRÄSIDENT A.D. BJÖRN ENGHOLM

1977, als taufrischer Parlamentarischer Staatssekretär für Bildung noch nicht einmal vier Wochen im Amt, ging mein Telefon und Willy Brandts rauchige Stimme ertönte: Ob ich wohl Zeit und Neigung hätte, ihn zu einem kurzfristigen Besuch nach Finnland zu begleiten.

Welche Frage! Also Koffer gepackt – und ab mit Willy nach Helsinki.

Auf der Gästeinsel der Regierung in den Schären, nach Begrüßung durch Premierminister Sorsa und alle (!) Parteivorsitzende, ging es schnurstracks in die Sauna, ein Muss dort droben. Und im Vorraum der Schwitzkammer dann, bei Bier und Grillwürsten, begannen die Gastgeber zu singen – zum Heulen schöne nordische Volkslieder.

VergrößernBjörn Engholm (74), früherer Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (1988-1993) und Ex-SPD-Bundesvorsitzende (1991-1993)
Björn Engholm (74), früherer Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (1988-1993) und Ex-SPD-Bundesvorsitzende (1991-1993)
Foto: dpa

Dann waren wir dran mit deutschen Liedern. Als mir schon beim „Brunnen vor dem Tore“ die Textpuste ausging, stieg Brandt ein und sang von „Im Frühtau zu Berge“ über „Kein schöner Land“ und „Dem Morgenrot entgegen“ bis „Ade nun zur guten Nacht“ – bis die Finnen feuchte Augen hatten!

Anschließend gings ans Eingemachte, das schwierige Verhältnis Finnlands zum übermächtigen Nachbarn Sowjetunion. Wobei klar wurde, dass Willy Brandt auch hier unersetzlich war als Ratgeber und Brückenbauer zwischen Ost und West.

Was hat diesen Mann zum Politiker von Weltrang gemacht?

Wie konnte aus dem „Lübecker Arbeiterjungen“ einer werden, der die Weichen der Nachkriegszeit im Innern und Außen wie kein anderer neu justiert hat?

Er wächst in Lübeck auf, als uneheliches Kind, unter kargen Verhältnissen. Spürt alltäglich die sozialen Barrieren zwischen Arbeiterschaft und wohligem Bürgertum. Begreift die Brüchigkeit der Weimarer Republik und ihre Anfälligkeit für nazistische Parolen. Lehnt sich auf, engagiert sich. Macht am Johanneum ein humanistisches Abitur.

Und weil der Rat des Lehrers an die Mutter: Halten Sie ihn von der Politik fern, die verdirbt nur, nicht befolgt wird, ist er mit 18 Jahren ein ausgewachsener politischer Kopf. Der für die demokratische Republik steht und für die Solidarität mit den Schwachen.

Vom NS-System verfolgt, geht er ins Exil nach Norwegen. Lebt dort als Journalist. Schreibt immer wieder: „Hitler ist nicht Deutschland!“ Und lernt hier kennen, was man skandinavische Lebensart nennt: Zivilität, Liberalität, praktische Solidarität, ein natürliches, gänzlich unnationalistisches Verhältnis zur Heimat.

Und er lernt, wie man jenseits von falsch verstandenem Preußentum oder verqueren sozialistischen Ordnungsideen pragmatische Reformpolitik macht.

Chronologie: Das Leben von Willy Brandt

Sein Aufstieg zum Staatsmann beginnt nach seiner Rückkehr in Berlin. Als Regierender Bürgermeister führt er die Stadt durch schwere Krisen, hält sie zusammen. Sein „Berlin bleibt frei!“ wird weltweit gehört, wird als Wille der Deutschen zur Selbstbestimmung begriffen.

Und als er neben Kennedy durch Berlin fährt, meint meine eher konservative Mutter: „Nun haben wir Deutschen einen eigenen Kennedy!“

Sein Weg ins Zentrum der deutschen Politik ist damit vorgegeben

Nach zwei vergeblichen Anläufen wird er Außenminister in der Koalition unter Kiesinger und dann Bundeskanzler. Zu diesem Zeitpunkt ist ihm lange klar: Die Mauer in Berlin, die Teilung Europas und der Kalte Krieg sind mit Pathos, markigen Sprüchen und immer mehr Rüstung nicht zu überwinden.

Und so formulieren er und Egon Bahr die bahnbrechende Idee vom „Wandel durch Annäherung.“ Erst Entspannung, dann Wiedervereinigung!

So kommt es in kurzer Folge zum Moskauer Vertrag, zum Warschauer Vertrag, zum Vier-Mächte-Abkommen über Berlin und zum Grundlagenvertrag mit der DDR.

Für mich waren diese Jahre, in denen die Weichen auf Friede und Verständigung gestellt wurden, Sternstunden der deutschen und europäischen Politik. Auch Sternstunden parlamentarischer Debatten. Da wurde mit Leidenschaft gefochten – manchmal bis auf´s Blut.

Unvergesslich die scharfe Auseinandersetzung zwischen Brandt und dem von schwerer Krankheit gezeichneten Karl-Theodor zu Guttenberg (Großvater des gleichnamigen Ex-Verteidigungsministers, Anm. d. Red.).

„Mehr Demokratie wagen“ war ein Startsignal

Auch in der Innenpolitik setzte Brandt in schneller Folge Schwerpunkte, mit denen die Verkrustungen der Nachkriegszeit aufgebrochen wurden.

Sein „Mehr Demokratie wagen“ war nicht nur ein Startsignal für Stärkung der Mitbestimmung in Unternehmen und Hochschulen („Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“), sondern diente uns Jungsozialisten dazu, manchen Muff aus den alten sozialdemokratischen Stuben zu vertreiben.

Und ob sie es hören wollen oder nicht – dieser Geist erfasste auch die braven Jungunionisten, die plötzlich anfingen, eigene Ideen zu fassen.

VergrößernSPD-Vorsitzender Willy Brandt mit dem Führungsnachwuchs seiner Partei 1987 in Hamburg
SPD-Vorsitzender Willy Brandt mit dem Führungsnachwuchs seiner Partei 1987 in Hamburg: Gerhard Schröder (v.l.), Heidemarie Wieczorek-Zeul, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping, Björn Engholm und Hertha Däubler-Gmelin
Foto: dpa Picture-Alliance

So gewann Willy Brandt unsere Herzen und Köpfe, die wir schon lange einen Aufbruch aus der Erstarrung der damaligen Zeit erhofft hatten. Mir erschien das wie ein längst überfälliger Schritt unseres Landes in das Zeitalter der Moderne.

Warum haben wir Brandt geliebt?

Wie aber erklärt sich, jenseits aller Etappen und Leistungen seines Lebens, die ungeheure Faszination, die Willy Brandt ausstrahlte? Anders gefragt: Warum haben wir Herbert Wehner, den „Zuchtmeister“ der SPD im Bundestag, respektiert, Helmut Schmidt hoch geachtet – aber Brandt verehrt, gelegentlich gar geliebt?

► Weil er, was im Olymp der Politik selten ist, Zeit seines Lebens, ganz einfach menschlich war, zugeneigt ohne Kalkül, mit offenem Ohr für Sorgen und Nöte, eher bescheiden.

► Weil er verletzlich war (und unter den nicht endenden Verunglimpfungen wegen seiner Herkunft, des Exils und der Ostpolitik zutiefst gelitten hat).

► Weil er ohne staatsmännischen Pomp auskam. Einer, der anregte, nicht befahl, der Menschen zum Mittun einlud, nicht zur Gefolgschaft.

► Den wir auch deshalb mochten, weil er Schwächen hatte wie alle, weil er ein gutes Glas zu schätzen wußte und einem Blick auf das schönere Geschlecht nicht abgeneigt war.

► Vor allem aber war Willy Brandt ein Politiker mit Zielen weit über den Tellerrand des Alltäglichen hinaus. Visionär nannten das die einen, von „Willy Wolke“ sprachen die anderen.

Tatsache ist, gerade weil er die Welt kannte, wollte er sie zum Besseren wenden. Also hat er uns eine Zukunft beschrieben, in der alle Menschen vielleicht nicht paradiesisch, aber doch mit Achtung voreinander solidarisch leben könnten.

Brandt beschrieb uns eine Welt ohne Hass, Gewalt, Krieg

Eine Welt, in der Hass, Gewalt, Krieg und Ausbeutung geächtet wären. In der die Politik und nicht Märkte und anonyme Mächte über über das Wohl und Wehe von Gesellschaften entschieden.

Indem er uns die politische Möglichkeit des Erreichens einer solchen Welt vor Augen führte, begeisterte er uns, riss auch Menschen weit außerhalb des klassischen SPD-Spektrums mit.

Wir alle ahnten, dass der Weg zum Ziel kein Zuckerschlecken sein würde. Aber weil dieses Ziel einer gerechteren und friedfertigen Welt jede Anstrengung wert schien, waren wir mit ihm. Waren bei ihm, da er diesen langen Weg gegen alle Widerstände selbst beschritten hatte, also authentisch war.

7. Dezember 1970: Willy Brandt geht vor dem Denkmal der Opfer des Warschauer Ghettos auf die Knie

Es eine Zeit, als wir noch fest an den Primat des Politischen glaubten. Auch, wenn die Realität diesem Glauben den Garaus gemacht hat: Es wäre großartig, wenn die Große Koalition ihm neues Leben einhauchen könnte!

Am Lübecker Holstentor steht ein Spruch, eine dauerhafte Aufforderung: Concordia Domi Foris Pax. Eintracht im Innern und Friede draußen. Ich wüsste keinen, auf den dieses Motto so zutrifft wie auf den Lübecker Willy Brandt. Auf den ich stolz bin. Und bleibe.


[WIRKLICHKEIT HEUTE, 18. DEZEMBER 2013]

Geheimdienste – Deutsche Behörden überwachen mit US-Geheimdiensten kritische Web-Seiten

Edited by Wolfgang Timm / Carl-Huter-Zentral-Archiv & K146. www.chza.de & www.folksvalue.de !