Samstag, 8. Juni 2013

INTERNET: RIESIGE DATENSPEICHER BRINGEN DEN DATENSCHUTZ IN GEFAHR. (HELIODA1)

Internet Riesige Datenspeicher bringen den Datenschutz in Gefahr


07.06.2013 ·  Über die Menschen werden heute schon sehr viel mehr Informationen gesammelt, als sie selbst in Form von digitalen Texten oder Fotos erzeugen. Es gibt kaum etwas, was Staaten und Unternehmen nicht interessiert. Gespeichert werden kann alles, nur die richtigen Systeme zur sinnvollen Auswertung fehlen vielerorts noch. Doch auch das dürfte sich bald ändern.

 

 

© AP Lizenz zum Überwachen: Kopie eines Gerichtsbeschlusses für den Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten

 

Dass Geheimdienste – und beileibe nicht nur der amerikanische – Zugriff auf Internet- und Telekommunikationsdaten haben, darf in der schönen neuen Technikwelt niemanden mehr überraschen. Denn über die Menschen werden heute viel mehr Informationen gespeichert, als sie selbst in Form von digitalen Texten oder Fotos erzeugen. Dabei ist der digital vernetzte Teil der Menschheit in dieser Hinsicht auf allen Kanälen ja schon sehr fleißig: „Die einstige Kapazitätsbegrenzung beim Speichern von Daten ist heute keine Verbündete des Datenschutzes mehr“, hat der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar schon vor einiger Zeit bedauert: „Das ist definitiv vorbei, Speicherplatz ist kein Knappheitsfaktor mehr.“

 

Bei der Wirtschaftsauskunftei Schufa wiederum gab es sogar die Überlegung, ob Facebook-Daten für die Bewertung der Bonität von Kreditkunden genutzt werden könnten. „Wir erkennen, dass das teilweise ganz bewusst genutzt wird, um unser tägliches Verhalten auszuforschen, ohne dass wir etwas davon bemerken“, warnte Schaar deshalb schon wiederholt. Die aufmerksamen Kunden des Onlinehändlers Amazon wiederum hätten schon vom Jahr 1999 an begreifen können, dass auch ihr Online-Buchhändler viel mehr als nur ein Einkaufsparadies ist, dass sich das Unternehmen zum Datenspeicher wandelte – und die Informationen über ihre Buchkäufe, ihren Geschmack und ihre Vorlieben sammelt.

 

Das kam zum ersten Mal an das Licht der Öffentlichkeit, als Amazon einen kleinen Onlinedienst mit dem Namen Alexa kaufte, einen Dienstleister, der Daten über Webseitenzugriffe durch die Benutzer sammelt und darstellt. (Siehe hierzu auch das Buch „Amazon kennt dich schon“, soeben erschienen im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch).

 

Möglicher Mißbrauch: Die „Re-anonymisierung“ von Daten

Inzwischen hat man das Gefühl, dass das nicht mehr viele Menschen stört, oder das zumindest nicht mehr viele Kunden darüber nachdenken, dass Amazon Bücher auf der Basis der eigenen, aber auch der Daten anderer Menschen empfiehlt: Es reicht völlig aus, wenn Amazon diesen Menschen einen ähnlichen Geschmack unterstellt, schon kommt eine entsprechende Empfehlung zustande. In jedem Fall ist es so, dass die öffentliche Diskussion der Datenschutz sich bisher fast ausschließlich auf große Internetkonzerne wie Google, Facebook oder Amazon konzentriert, was aber längst nicht mehr ausreicht. Denn der technische Fortschritt geht rasant vonstatten, und zudem wird zu häufig der Staat als Mitspieler übersehen. Und unter dem Stichwort „Big Data“ gibt es Technologien, die auch gewaltige Datenbestände immer schneller durchforsten können. Die NSA mit Sitz in Fort Meade im Bundesstaat Maryland ist darauf spezialisiert. Die Frage, über die bisher immer wieder spekuliert wurde, ist jedoch, wie gewaltig die Datensammlung ist.

 

Nach einer Schätzung in einer Studie des Speicherrechnerherstellers EMC könnten heute 23 Prozent der insgesamt erzeugten Datenmenge für Big-Data-Analysen genutzt werden. Tatsächlich aber geschehe dies nur mit einem Bruchteil dieser Datenmenge. Dafür gebe es drei unterschiedliche Gründe, sagt Sabine Bendiek, die Deutschland-Chefin von EMC: „Erstens die Unsicherheit beim Datenschutz. Zweitens die fehlende Technik zur Auswertung dieser Daten. Und drittens die Mechanismen für die Entwicklung der richtigen Fragen.“ Bendiek betont, dass die Vorgaben des Datenschutzes unbedingt einzuhalten seien. „Man kann … sehr viel anonymisieren und viele Anwendungsfälle entwickeln, bei denen man etwa Profildaten nutzt, ohne den spezifischen Namen zu verwenden. Das sicher zu gestalten, ist machbar.“ Die Möglichkeit zum Missbrauch ist aber nicht von der Hand zu weisen. Datenanalysen könnten unter Umständen wieder „re-anonymisiert“ werden, die Ergebnisse könnten dann bestimmten Personen zugeordnet werden. „Dass man versucht, mit der Verknüpfung von Daten eine Bewertung potentieller Kunden zu erlangen, um ihnen zum Beispiel gezielt Werbung zuzusenden, ist noch die harmlosere Variante“, sagte wiederum Schaar. „Umgekehrt können auch Personen ermittelt werden, denen man möglichst keinen Kredit gewährt oder denen man eine Wohnung nicht vermietet — und das nur deshalb, weil das Datenprofil einen schlechten Score-Wert erzeugt. Da kann sich der Einzelne nicht wehren, wenn er aufgrund einer statistischen Wahrscheinlichkeit zu einer risikobehafteten Gruppe gesteckt wird.“

„Big Data“ fordert die Datenschützer denn auch heraus, spezifische Antworten für den Schutz der Privatsphäre zu entwickeln. Schaar plädiert für „einen Instrumentenmix aus gesetzlichen Regelungen, die der technischen Entwicklung angepasst werden müssen, und aus technologischen Lösungen“. Das Zauberwort heiße „Privacy by Design“: Der Datenschutz soll dabei schon in die Geräte eingebaut werden: Die Hersteller von Smartphones müssten zum Beispiel dafür sorgen, dass die Betriebssysteme persönliche Daten einkapseln, damit sie nicht durch beliebige Apps ausgelesen werden können, wie das immer stärker geschehe. „Wir haben unsichtbare Datensammler in unseren Smartphones, Kraftfahrzeugen und anderen Geräten, die laufend Daten generieren“, sagte der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit vor einiger Zeit der Nachrichtenagentur dpa – und fügte hinzu: „Das macht mir natürlich große Sorgen.“ Andere, also diejenigen, die mit solchen Programmen und Angeboten rund um „Big Data“ und „Cloud“ ihr Geld verdienen, sagen, dass es solche Bedenken in ihrer Branche bei beinahe jeder technischen Neuerung gegeben habe – und man sie bisher immer gut habe adressieren können. Deutsche Datenschützer warnen hingegen schon lange, mit dem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschlossenen amerikanischen „Patriot Act“ könnten sich Behörden Zugang zu vielerlei Daten beschaffen. Auch in Europa ist allerdings Datensammeln vorgesehen: Eine EU-Richtlinie von 2006 schreibt den Staaten grundsätzlich vor, Telefon- und Internetdaten ihrer Bürger für sechs Monate vorzuhalten.

Quelle: FAZ vom 07.06.2013