Mittwoch, 19. Juni 2013

DIE VORGESCHICHTE DES ZWEITEN WELTKRIEGS (IV). OBAMA IN BERLIN. (HELIODA1)

Die Volksabstimmung an der Saar 1935

Der erste Anschluß fällt Hitler sozusagen in den Schoß. Während der Siegerkonferenz in Versailles versichert der französische Ministerpräsident Clemenceau wiederholt , daß die Saarländer französischer Abstammung seien und, soweit doch von deutscher Herkunft, Bürger Frankreichs werden wollten. Trotz des festen Willens der Franzosen findet ihre Absicht, auch das Saargebiet zu schlucken, in Versailles keine Mehrheit. Die Russen, die ihnen die Saar noch in einem Geheimvertrag von 1917 zugesichert hatten, sind bei der  Versailler Konferenz nicht mehr beteiligt. Und US-Präsident Wilson sowie der englische Premier Lloyd George sind nicht  einverstanden, daß Frankreich das Saarland samt Bevölkerung und Bodenschätzen annektiert. Als Kompromiß der drei großen Siegermächte wird das Saargebiet zunächst für 15 Jahre unter die Verwaltung des Völkerbunds gestellt. Dann erst soll nach einer Volksabstimmung entschieden werden, ob es auf Dauer französisch, selbständig oder wieder deutsch wird. Die Einzelheiten dieses Wechsels regelt der Versailler Vertrag, Artikel 49, mit dem  "1. Saarstatut".

Das Saarland und das  Erste Saarstatut

Eine fünfköpfige, international besetzte "Saarkommission” soll das Saarland in diesen 15 Jahren im Auftrag des Völkerbunds regieren. Die Saarkommission steht unter dem Vorsitz eines französischen Präsidenten. Sie entpuppt sich bald als alleinige Vertretung französischer Interessen. Das ändert sich auch nicht, als das kanadische und das deutsche Mitglied der Kommission deshalb aus Protest dies Gremium verlassen. Die Verhältnisse an der Saar verschlimmern sich dadurch nur noch weiter zum Schaden der betroffenen Bevölkerung. Frankreich schaltet und waltet de facto als neuer Herrscher an der Saar. Die Proteste der angestammten Bevölkerung werden auf Weisung der Franzosen in der Kommission in aller Regel dem dafür  zuständigen Völkerbund nicht einmal zugeleitet. Die Regierung in Paris verlegt gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags 5.000 französische Soldaten in das Saargebiet. Die deutsche Beamtenschaft wird zum größten Teil ausgewiesen und durch französische ersetzt. Das gleiche passiert mit den deutschen Firmenleitungen in der Industrie und im Bergbau an der Saar.

Zankapfel Saargebiet

1935 sind die 15 Jahre Saarstatut zu Ende, und Frankreich muß die 1920 in Versailles festge-legte Volksabstimmung dulden. So ist die Tatsache der Volksabstimmung an der Saar kein Verdienst des Kanzlers Hitler. In den Monaten vor der Abstimmung tobt ein heftiger Wahl-kampf an der Saar, bei dem die französische Verwaltung vor Ort den Heimvorteil besitzt, und das Deutsche Reich dagegen keinen unmittelbaren Zutritt hat. Der Wahlkampf wird von französischer Seite bewußt gegen den Nationalsozialismus und die neuen Mißstände im Dritten Reich geführt. Die Emotionen schlagen dabei hoch, und die Volksabstimmung droht, zu harten Auseinandersetzungen auszuarten. Da schlägt der deutsche Regierungschef Hitler der französischen Regierung vor, die Zukunft der Saar durch eine freundschaftliche Vereinbarung zwischen beiden Regierungen zu regeln und auf die Volksabstimmung zu verzichten  Sein Vorschlag lautet, das Saargebiet Deutschland wieder anzuschließen und durch einen Wirtschaftsvertrag zu regeln, daß die französische Industrie die Bodenschätze an der Saar so ausbeuten dürfe wie bisher. Die französische Regierung lehnt den Vorschlag ab. Sie wertet ihn als Hitlers Eingeständnis der schlechten deutschen Chancen bei der Wahl.

Die  Saarabstimmung  1935

Am 13. Januar 1935 wird unter der Aufsicht des Völkerbunds gewählt. 90,8 Prozent der Saarländer votieren für den Anschluß an das Deutsche Reich, 8,8 Prozent für die Selbständigkeit der Saar und 0,4 Prozent für den Anschluß an Frankreich. Diese Wahl außerhalb des deutschen Staatsgebiets hat ohne jeden Zweifel ohne deutsche Manipulationen und Pressionen stattgefunden. Und sie wirkt, dank des Wahlkampfthemas der Franzosen “Nationalsozialismus in Deutschland” statt einer Entscheidung für Deutschland und gegen Frankreich wie eine breite Zustimmung zum neuen nationalen Sozialismus des deutschen Kanzlers Hitler. So bescheren die Franzosen Hitler einen innenpolitischen Triumph, der stärker nachwirkt als sie ahnen. Für Hitler wird der erste Anschluß nach der Niederlage von 1918 zugleich ein Plebiszit für die “Bewegung”. Am 1. März 1935 geht die Hoheit über das Saargebiet wieder auf das Deutsche Reich  über.

( In der gängigen Literatur sind diese Geschehnisse auch unter den Stichworten   Beitritt des Saargebiets ,    Rückgabe des Saargebiets ,    Anschluss des Saargebiets   und    Angliederung des Saargebiets    zu finden. )

 

Dieser Text ist eine Kurzfassung des entsprechenden ausführlichen mit Hintergründen, Quellenangaben und einer Abbildung versehenen Textes (Seiten 96-99) in dem Buch 1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte



Die Rheinlandbesetzung 1936

Das entmilitarisierte Rheinland 

In den 20er Jahren hat Deutschland durch den Versailler Vertrag nicht nur gewaltige Einbußen an Menschen, Land und Industriepotenzialen erfahren. Es hat im „Frieden“ von Versailles vor allem keinen Friedensschluß erreicht. Der Versailler Vertrag hatte Deutschland u. a. auferlegt, das Rheinland mit der Pfalz links des Rheins und eine 50 Kilometer tiefe Zone rechts des Rheins von der Schweiz bis zu den Niederlanden von eigenen Truppen und Befestigungen freizuhalten. Damit stand zukünftigen Friedensbrüchen eine Türe offen.

Der Pakt von Locarno          (auch  Rheinpakt 1925)

1921 und 1923 nutzen Frankreich und Belgien diese ungeschützte Grenze, um Deutschland für nicht geleistete Reparationen zu “bestrafen” und erst Düsseldorf und Duisburg und dann das ganze Ruhrgebiet mit fünf Heeresdivisionen zu besetzen. Dennoch bestätigt die deutsche Reichsregierung 1925 im Pakt von Locarno noch einmal diese Entmilitarisierung der deutschen Grenzregion in Richtung Frankreich, um sich damit die Mitgliedschaft im Völkerbund und den Abzug der französischen Besatzungstruppen aus der „Kölner Zone” zu erkaufen. Gleichzeitig garantieren sich Frankreich, Deutschland und Belgien gegenseitig den Verlauf ihrer gemeinsamen Grenzen, und sie vereinbaren, in Zukunft „in keinem Falle zu einem Angriff oder zu einem Einfall oder zum Kriege gegeneinander zu schreiten“.

Der Französisch-Sowjetische Vertrag 1935

Das Ende des Locarnopakts beginnt mit einem französisch-russischen Vertrag. 1935 ersetzen Frankreich und die Sowjetunion einen auslaufenden Nichtangriffspakt von 1932 durch einen neuen Beistandspakt. In einem Zusatzprotokoll sagen sich Paris und Moskau ihre Waffenhilfe auch für den Fall zu, daß eines ihrer Länder von einem Drittland angegriffen wird, und - das ist das Besondere – das auch wenn der Völkerbund eine solche Waffenhilfe nicht empfiehlt. Damit behalten sich Paris und Moskau vor, bei einem Streit mit dritten Staaten in eigener Machtvollkommenheit zu entscheiden, wer der Aggressor ist. Da die inzwischen wieder gut aufgerüstete Sowjetunion nicht von den kleinen Baltenstaaten und auch nicht von den militärisch weit unterlegenen Polen oder Rumänen bedroht ist, macht der Pakt nur in einem Krieg mit Deutschland einen Sinn. Frankreich hatte sich jedoch im Locarnopakt verpflichtet, keine militärischen Operationen gegen Deutschland mehr zu führen, es sei denn zur eigenen Verteidigung oder aufgrund früherer Verpflichtungen, die Frankreich gegenüber den Polen und den Tschechen eingegangen war. Ein französisches Versprechen, der Sowjetunion im Falle eines deutsch-sowjetischen Krieges mit Waffenhilfe beizustehen, ist also ein Bruch des Paktes von Locarno. Und in Locarno - und das ist hier von Bedeutung - wird deutscherseits die Entmilitarisierung des Rheinlands zugesagt, die Hitler nun im Gegenzuge kündigt.

Dem französisch-sowjetischen Vertragsschluß am 2. Mai 1935 geht eine Monate dauernde diplomatische Auseinandersetzung zwischen Paris und Berlin voraus, an der auch die Garantiemächte des Locarno-Paktes ihren Anteil haben. Im April 1935 warnt der britische Außenminister Simon die französische Regierung,

„daß England beunruhigt sein würde, wenn Frankreich einen Vertrag unterschriebe, der es eventuell in einen Krieg mit Deutschland hineinziehen könnte und das unter Bedingungen, die mit dem § 2 des Locarno-Paktes unvereinbar sind.”

Am 25. Mai 1935 übersendet die deutsche Regierung der französischen ein Memorandum, in dem sie geltend macht, daß der neue sowjetisch-französische Vertrag Artikel 16 der Völkerbundsatzung verletze und nach deutscher Auffassung auch den Locarno-Pakt. Am 27. Februar 1936 wird der Sowjetisch-Französische Beistandspakt ungeachtet dessen von der französischen Nationalversammlung ratifiziert.

Für Hitler ist der Sowjetisch-Französische Vertrag ein Rückschlag in dem Bemühen, Deutschland nach außen abzusichern. Sein Erfolg von 1934, der Nichtangriffspakt mit Polen, hatte Frankreichs Ring um Deutschland aufgebrochen. Nun stopft Paris die Lücke mit einem neuen Waffenbruder. Damit wird für die deutsche Seite dreierlei erkennbar: erstens, daß man in Paris den deutschen Garantien von Locarno keinen unbedingten Glauben schenkt, zweitens daß man in Paris durchaus noch einen weiteren Krieg ins Auge faßt und drittens, daß sich die Allianz der potentiellen Gegner Deutschlands an Frankreichs Seite um eine weitere Million Soldaten verstärkt. Für Deutschland ist dies in Erinnerung an das französisch-russische Zusammenspiel von 1914 eine schlechte Perspektive. Bei nüchterner Betrachtung zeigt sich, daß Frankreich 1935 sein Bündnissystem ein weiteres Mal zu deutschen Lasten ausbaut und daß Deutschlands Grenze zu Frankreich schutzlos offenliegt. Die Drohung Frankreichs während der oberschlesischen Kämpfe von 1921, in Deutschland einzumarschieren, und die ja tatsächlich erfolgten Einmärsche der Belgier und Franzosen vom 8. März 1921 und vom 11. Januar 1923 sind in Deutschland schließlich nicht vergessen.

Die französische Verletzung des Locarno-Vertrages durch den Abschluß des Beistands-abkommens mit der Sowjetunion ist für Hitler Anlaß, sich nun auch nicht mehr an diesen Pakt zu halten und das eine mit dem anderen zu begründen. Hitler faßt den politischen Entschluß, das von deutschen Truppen nicht geschützte Rheinland wieder zu besetzen.

Anfang März 1936 eröffnet der Diktator Hitler den Entschluß dazu den Spitzen des Auswärtigen Amtes und der Wehrmacht. Von beiden Seiten wird ihm schärfstens abgeraten.

Die Besetzung des Rheinlands März 1936

Am 7. März 1936 läßt Hitler 19 Wehrmachtsbataillone in die entmilitarisierte Zone einmarschieren. Um der politischen Provokation nicht noch eine militärische Drohgebärde hinzuzufügen, überschreiten zunächst nur drei der 19 Bataillone den Rhein nach Westen und rücken in Saarbrücken, Trier und Aachen ein. Hitler verletzt mit diesem Handeln die Verträge von Locarno und Versailles. Doch er schafft damit auch die Voraussetzung für die Verteidigungsfähigkeit des Deutschen Reichs nach Westen. Hitler begleitet diesen Schritt mit einem neuen Angebot an Frankreich. Er regt an, in Zukunft eine entmilitarisierte Zone auf beiden Seiten der deutsch-französischen Grenze einzurichten, die deutschen und die französischen Streitkräfte bei gemeinsamen Höchstzahlen zu begrenzen und einen Nichtangriffspakt von 25 Jahren Dauer abzuschließen. Frankreich lehnt das ab und lässt statt dessen Truppen von Südfrankreich in Richtung Deutschland vorverlegen.

Am 14. März 1936 tritt der Rat des Völkerbunds zusammen, um über den deutschen Bruch des Versailler Vertrages zu befinden. Frankreich fordert, Deutschland wegen der Vertrags-verletzung zu verurteilen. Der britische Vertreter erklärt jedoch :

„Es ist offensichtlich, daß der Einmarsch der deutschen Truppen in das Rheinland eine Verletzung des Versailler Friedensvertrages darstellt. Dennoch stellt diese Aktion keine Bedrohung des Friedens dar und erfordert keinen unmittelbaren Gegenschlag. Zweifellos schwächt die Wiederbesetzung des Rheinlandes die Macht Frankreichs, aber sie schwächt in keiner Weise seine Sicherheit.“

In der Literatur erscheint dieser Vorgang meist als Remilitarisierung des Rheinlands. Dieser Terminus verbirgt, dass es hier letztlich um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands gegen noch immer mögliche Angriffe aus Frankreich und Belgien ging.  Immerhin waren 1921 und 1923 französische und belgische Truppen durch diese offene Westgrenze ins Ruhrgebiet  und nach Frankfurt am Main marschiert. 

Dieser Text ist eine Kurzfassung des entsprechenden ausführlichen und mit Quellenangaben und zwei Karten versehenen Textes (Seiten 99-105) in dem Buch 1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte

595 Seiten / 5. Auflage
OLZOG-Verlag
München 2006
ISBN-3-7892-8188-3




Der Österreich-Anschluß 1938

Die Wiedervereinigung Deutschlands und Österreichs 1938, genannt „der Anschluß“, hat eine sehr lange Vorgeschichte. Die staatliche Gemeinsamkeit der deutschen Länder einschließlich derer, die später den Staat Österreich bilden, beginnt im Jahr 911 mit der Wahl Konrad I. zum König des Ostfrankenreiches, für das sich bald der Name “Reich der Deutschen” und später “Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation” durchsetzt. Im Jahr 1273 geht die Krone dieses Reiches erstmals an einen Fürsten aus dem Hause Habsburg über, ehe sie dann ab 1438 in ununterbrochener Herrscherfolge bis 1806 dort verbleibt. So sind die Landesteile des Hauses Habsburg fast ein Jahrtausend lang ein integraler Teil des Deutschen Reichs, und die Fürsten Habsburgs während der letzten 368 Jahre zugleich die Könige und Kaiser Deutschlands. Auch nach Auflösung des ersten deutschen Reichs im Jahre 1806, als 1815 der Deutsche Bund gegründet wird, steht diesem bis 1866 wieder der Chef des Hauses Habsburg, vor.

Es folgt ein halbes Jahrhundert der österreichisch-deutschen Trennung. Als 1918 das geschlagene Österreich und das geschlagene Deutschland Republiken gründen, beschließen die ersten Parlamente in Berlin und Wien, ihren Staaten neue Verfassungen zu geben. In beide Verfassungen schreiben die Abgeordneten ein Wiedervereinigungsgebot. In der österreichischen heißt es:

„Deutsch-Österreich ist eine demokratische Republik. ... Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik.“

In der ersten deutschen Verfassung steht ein vergleichbarer Satz. Am 6. September 1919, verkündet der österreichische Staatskanzler Dr. Renner noch einmal in der Wiener Nationalversammlung:

“Deutsch-Österreich wird niemals darauf verzichten, die Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich als das Ziel seiner friedlichen Politik zu betrachten.”

Beide Wiedervereinigungsgebote, sowohl das österreichische als auch das deutsche, müssen bald darauf auf Druck der Siegermächte aus den zwei Verfassungen entfernt werden. Doch der Wunsch nach einer Vereinigung Österreichs und Deutschlands ist damit nicht erloschen.

Die Zeit der deutsch-österreichischen Trennung von 1866 bis 1918 hat Ähnlichkeit mit der deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 54 Jahre der deutsch-deutschen Trennung seit 1866 haben das Empfinden, zum selben Volke zu gehören, in Deutschland und in Österreich genausowenig sterben lassen, wie die 45 Jahre deutscher Teilung bei den Deutschen in West- und Mitteldeutschland nach 1945.

1931 wagen Österreich und Deutschland noch einmal einen Annäherungsversuch, die deutsch-österreichische Zollunion. Auch diese scheitert wieder am Protest der Sieger. Aus der Sicht der Sieger hat das Verbot der deutsch-österreichischen Vereinigung zunächst durchaus einen Sinn. Mit einem angeschlossenen Österreich hätte das besiegte Deutschland seine Verluste an Land und Menschen wieder ausgeglichen. Doch dieses Rechenspiel der Sieger mißachtet ihre selbst aufgestellte Regel vom Selbstbestimmungsrecht der Völker.

 

Das Nachkriegsösterreich

Die 20er Jahre sind für Österreich arm und bitter. Das wirtschaftliche Netzwerk Habsburgs ist zerschlagen. Die Zahl der Arbeitslosen klettert auf 557.000. Die Auslandsschulden Österreichs sind bald nicht mehr abzutragen. Die Hoffnung auf spätere Vereinigung mit Deutschland bleibt in Österreich ungebrochen, und alle politischen Parteien - außer Monarchisten und Marxisten - sind sich darin einig und äußern dies auch immer wieder. So erinnert der Führer der Sozialdemokraten Dr. Renner 1928 in einer öffentlichen Rede:

 „Heute, zehn Jahre nach dem 10. November 1918, und immerdar halten wir in Treue an diesem Beschluß fest und bekräftigen ihn durch unsere Unterschrift. ... Der Friede von Saint-Germain hat das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in Österreich vernichtet. ... Laßt Österreichs Bürger frei abstimmen und sie werden mit 99 von 100 Stimmen die Wiedervereinigung mit Deutschland beschließen.“

Die 30er Jahre sind in Österreich politisch ähnlich turbulent wie die im Deutschen Reich. Eine Parlamentskrise im März 1933, in der es zunächst nur um einen Eisenbahnerstreik gegangen ist, endet damit, daß der österreichische Bundeskanzler Dollfuß den Nationalrat auflöst und fortan gestützt auf eine so genannte Vaterländische Front als Diktator allein regiert. Er verbietet erst die Kommunistische, dann die Nationalsozialistische Partei in Österreich, dann die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften. Politische Gegner werden in „Anhaltelagern“ inhaftiert, die den Konzentrationslagern entsprechen, die im gleichen Jahre in Deutschland eingerichtet werden. Dollfuß, der als Diktator schon im eigenen Lande keine Lust hat, seine Macht und Herrschaft mit neuen Wahlen zu riskieren, will beides erst recht nicht bei einem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich verlieren. So endet Österreichs Anschluß-Politik mit Dollfuß und dem Ende der Demokratie im Nachkriegs-Österreich. Die Ära des Bundeskanzlers Dollfuß endet im Juli 1934 mit seiner Ermordung durch österreichische Nationalsozialisten. Dem Diktator folgt Bundeskanzler Schuschnigg, der den Regierungsstil seines Vorgängers mit aufgelöstem Parlament, mit Parteienverboten und KZ´s fortsetzt. Auch er versucht, eine Vereinigung Österreichs mit Deutschland zu verhindern.

Im Sommer 1936 kommt es unter dem sanften Druck Italiens zu einem Wiederannäherungs-versuch der beiden deutschsprachigen Staaten. Im Juli 36 wird ein Deutsch-Österreichisches Abkommen über die Normalisierung und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten geschlossen. Deutschland erkennt darin die “volle Souveränität des Bundes-staates Österreich” an, und Österreich bekennt sich ausdrücklich dazu, ein „deutscher Staat“ zu sein. Zusätzlich sichert Schuschnigg schriftlich zu, „Vertreter der bisherigen sogenannten Nationalen Opposition in Österreich” zur Mitwirkung an der politischen Verantwortung heranzuziehen. Trotz des geschlossenen Abkommens läßt der Druck der Diktatur im Donau-Staat nicht nach. Zudem läßt ein Wirtschaftsaufschwung wie der in Deutschland auf sich warten. Besonders viele Menschen aus der Arbeitnehmerschaft sehen im Anschluß eine wirtschaftliche Hoffnung. So wird der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich für die Bürger Österreichs wieder zur attraktiven Perspektive. Hinzu kommt, daß sich die Diktatur in Österreich kaum von der in Deutschland unterscheidet, so daß letztere kein Grund ist, einen Anschluß abzulehnen. Im gleichen Zeitraum schließen sich die Saarländer mit 90,8% Pro-Deutschland-Stimmen an das Deutsche Reich an. Bundeskanzler Schuschnigg, der den Drang weiter Bevölkerungskreise zu einem Anschluß kennt, bittet um einen Staatsbesuch bei Hitler.

Am 12. Februar 1938 kommt der Besuch zustande. Hitlers Wunschvorstellung ist sicherlich gewesen, daß ein frei gewählter Nationalrat und eine österreichische Regierung kraft des Selbstbestimmungsrechts der Völker von sich aus den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich verkünden, den Anschluß den die Verfassungsväter Österreichs schon vor zwei Jahrzehnten fest beschlossen hatten. Doch Hitler ist inzwischen klar, daß mit der Diktatur des christ-sozialen Schuschnigg, ohne Parlament und ohne Wahlen kein legaler Weg für einen Anschluß offensteht.

Das Gespräch der zwei Diktatoren Schuschnigg und Hitler ist ein einziger Streit gewesen. Hitler hält Schuschnigg vieles vor, das Vorgehen der Polizei in Österreich gegen die Nationalsozialistische Partei, Grenzbefestigungen gegen Deutschland und anderes mehr. Hitler legt Schuschnigg eine „Liste mit deutschen Vorschlägen für eine endgültige Regelung der österreichischen Frage” vor. Die wesentlichen Forderungen lauten:

- politische Betätigungsfreiheit der österreichischen Nationalsozialistischen Partei zur legalen Betätigung im Rahmen der „Vaterländischen Front”,

- Amnestie für alle wegen nationalsozialistischer politischer Betätigung inhaftierten Österreicher,

- Wiederherstellung der Pressefreiheit,

- Vorbereitung der Angleichung der Wirtschaftssysteme beider Länder.

Dafür sichert die Deutschen Reichsregierung zu, daß sich reichsdeutsche Parteidienststellen

nicht in innerösterreichische Verhältnisse einmischen. Die „Vorschläge” enden mit einem Ultimatum, nach dem sich Bundeskanzler Schuschnigg schließlich widerstrebend bereiterklärt, die vereinbarten Maßnahmen bis zum 18. Februar 1938 durchzuführen.

 

Dr. Schuschniggs “Volksabstimmung”

Nun tritt der Bundeskanzler Schuschnigg die Flucht nach vorne an. Er setzt am 9. März, ganz überraschend eine Volksabstimmung zur Anschlußfrage für den nächsten Sonntag an, das ist vier Tage später. Die kurzgesteckte Frist und manches andere zeigen, daß der Bundeskanzler hier in Panik handelt. Er unterlässt, wie in der Verfassung vorgeschrieben, das Kabinett zu seiner Absicht einer Volksabstimmung zu befragen. Da es seit 1929 auf Bundesebene und seit 1932 auf Landesebene keine Wahlen mehr gegeben hat, gibt es in Österreich keine aktuellen Wählerlisten mehr. Zudem hat Schuschnigg angeordnet, daß die Stimmauszählung allein von der „Vaterländischen Front” vorzunehmen sind, also vom Regierungslager. Des weiteren begrenzt Schuschnigg das Wahlalter nach unten auf 25 Jahre. Er befürchtet, daß besonders junge Wähler zu einem Anschluß an das Deutsche Reich tendieren. Es wird außerdem angeordnet, daß die Angehörigen des Öffentlichen Dienstes am Tage vor der Wahl in ihren Abteilungen geschlossen unter Aufsicht zur Wahl zu gehen haben und ihre ausgefüllten Wahlzettel ihren Vorgesetzten offen zu übergeben haben. Und als letztes verfügt Dr. Schuschnigg, daß in den Wahllokalen nur Stimmzettel mit dem Aufdruck “JA” ausgegeben werden, was ein Ja zur Unabhängigkeit bedeutet. Ansonsten verhandelt Kanzler Schuschnigg in aller Eile mit den Führern der bisher verbotenen Parteien und der aufgelösten Gewerkschaften, um sie für Wahlaufrufe gegen einen Anschluß zu gewinnen. Als Preis verlangen die so plötzlich angesprochenen Führer, daß ihre Parteien unverzüglich wieder zugelassen werden, und sie fordern, daß ihre zu Tausenden in den Konzentrationslagern inhaftierten Parteimitglieder endlich freigelassen werden.

Dr. Schuschniggs getürkte Volksabstimmung bleibt nicht ohne Widerspruch. Innenminister Seyß-Inquart und Minister Glaise-Horstenau, teilen ihrem Kanzler unverzüglich mit, daß die Wahl so verfassungswidrig ist, und sie verlangen die Verschiebung der Volksabstimmung,damit sie vorbereitet werden kann. Bundeskanzler Schuschnigg lehnt die Forderung ab. Seyß-Inquart und Glaise- Horstenau versuchen in den folgenden vier Tagen noch dreimal, Schuschnigg umzustimmen. Die letzte Forderung enthält fünf verfassungsgemäße Bedingungen und das Ultimatum, die Bedingungen „noch heute, bis spätestens 13 Uhr“ anzunehmen. Als Schuschnigg das erneut ablehnt, wendet sich Seyß-Inquart telefonisch direkt vom Kanzleramt in Wien an Minister Göring in Berlin und fragt um Rat.

 

Die Wiedervereinigung

In Deutschland hat man die Turbulenzen in Österreich seit dem 9. März verfolgt. Hitler wird unverzüglich von den Überrumpelungswahlen Schuschniggs informiert. Es ist nicht schwer, die Absicht hinter den Wahlauflagen zu durchschauen. Die Stimmauszählung nur durch eigene Leute riecht nach Fälschungsabsicht, und, die jungen Wähler auszuschließen, ist der offensichtliche Versuch, pro-deutsche Wähler von den Urnen fernzuhalten. Hitler sieht die Chance schwinden, daß sich Österreichs Bürger zu einem späteren Zeitpunkt in freien und korrekten Wahlen für den Anschluß an das Deutsche Reich entscheiden können, wenn zuvor nach einer manipulierten Volksbefragung das Gegenteil beschlossen worden ist. Hitler ist verärgert, hat aber zunächst noch kein Konzept, wie er reagieren soll. Die politischen Stränge zieht auf deutscher Seite nun vor allem der Minister Göring.

Am 11. März etwa 14.30 Uhr, erfolgt der schon erwähnte Anruf von Seyß-Inquart aus Wien bei Göring in Berlin. Der österreichische Innenminister teilt Minister Göring mit, daß Bundeskanzler Schuschnigg noch immer nicht gewillt ist, die Volksabstimmung zu verschieben. Göring informiert Hitler von der Neuigkeit aus Wien. Beide sehen, daß es so keine Chance mehr für eine faire Volksabstimmung in der Anschlußfrage gibt. Sie beschließen, nun direkt in das österreichische Geschehen einzugreifen und Schuschnigg durch Seyß-Inquart zu ersetzen. Göring übermittelt dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Schuschnigg mit Hitlers Einverständnis die Forderung, die Volksabstimmung zu verschieben und Dr. Seyß-Inquart mit der Bildung einer neuen Regierung zu beauftragen. Schuschnick versucht nun, sich in einer Blitzaktion der Rückendeckung Mussolinis zu versichern. Doch der lehnt eine Unterstützung für ihn ab. Schuschnigg gibt anschließend „auf Raten“ nach. Er läßt Hitler übermitteln, daß er mit der Verschiebung der Volksabstimmung einverstanden ist. Doch Göring gibt sich allein mit einer Wahlverschiebung nun nicht mehr zufrieden. Er schickt ein nächstes Ultimatum und verlangt die sofortige Ernennung Dr. Seyß-Inquarts zum Bundeskanzler, andernfalls erfolge ein deutscher Einmarsch in Österreich. Nachdem Seyß-Inquart Kanzler Schuschnigg auch diese Botschaft übermittelt haben, gibt der auf und über Radio bekannt, daß er zurücktritt.

In den Morgenstunden des neuen Tages - es ist inzwischen Samstag, der 12. März 1938 - marschieren deutsche Truppen in Richtung Salzburg, Linz und Innsbruck. Blumenschmuck und Fahnen auf den Militärfahrzeugen sollen zeigen, daß dies eine Wiedervereinigung nach langen Jahren deutscher Trennung und kein Eroberungsfeldzug ist. Dies Zeichen wird auch so verstanden. Die österreichische Bevölkerung beiderseits der Straßen reagiert erst freundlich, dann bald mit steigender Begeisterung. Es gibt Umarmungen, Winken, Händeschütteln, Freudentränen, Fahnenschwenken. Als Hitlers Wagenkolonne gegen Abend auf den Marktplatz der Stadt Linz rollt, warten dort schon 60.000 Menschen zum Empfang. Hitler hält eine kurze Rede und wird dabei wieder und immer wieder von Beifallsstürmen unterbrochen. Die Begeisterung der Menschenmenge hinterläßt ihm, der sich bis dahin der ungeteilten Zustimmung der Österreicher nicht sicher sein konnte, einen tiefen Eindruck.

Bundeskanzler Seyß-Inquart, frisch vom österreichischen Bundespräsidenten vereidigt, und einige der neu ernannten Minister sind zur Begrüßung Hitlers nach Linz gekommen. Seyß-Inquart, der kein Freund des Einmarschs ist, schlägt Hitler vor, auch österreichische Truppen nach Deutschland zu entsenden, um aller Welt zu zeigen, daß sich hier eine freiwillige Vereinigung vollzieht und keine einseitige Eroberung. Hitler ordnet auf der Stelle an, so zu verfahren. Schon tags darauf marschieren österreichische Truppen nach München, Dresden, Stuttgart und Berlin. Sonntag morgen, den 13. März 1938 um 1 Uhr früh, rollt die erste Wehrmachtseinheit in Österreichs Hauptstadt Wien ein. Die Straßen sind trotz Nacht und Kälte voll von Menschen. Vor der Oper ist ein österreichisches Musikkorps angetreten und empfängt die ersten deutschen Truppen zu einer improvisierten Militärparade. Die Polizeiabsperrungen, die die Menschen von den vorbeimarschierenden Wehrmachts-kompanien trennen sollen, brechen unter dem Ansturm der begeisterten Menge bald zusammen. Der Militäreinmarsch vollzieht sich so, als wäre der politische Anschluß Österreichs schon vorausgegangen.

Doch noch sind Seyß-Inquart Bundeskanzler und Miklas Bundespräsident von Österreich. Gegen Abend erklärt Miklas seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten. Damit gehen nach geltender Verfassung, Artikel 77, die Befugnisse des Präsidenten auf den Bundeskanzler über. So ist Seyß-Inquart für ganz kurze Zeit Regierungschef und Staatsoberhaupt in einem. Schon am Vormittag des Tages hatten Seyß-Inquart als neuer Bundeskanzler, Glaise-Horstenau als Vizekanzler und Justizminister Hueber ein neues “Bundesverfassungsgesetz” verfaßt und unterschrieben, in dem es in Artikel I heißt: „Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches.“    Artikel II verkündet, daß am 10. April 1938 eine freie und geheime Volksabstimmung über die Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich stattfindet.

Am 3. April, eine Woche vor der Volksabstimmung, erklärt sich der erste Nachkriegs-Bundeskanzler Dr. Renner in einem Interview im NEUEN WIENER TAGEBLATT:

“Als Sozialdemokrat und somit als Verfechter des Selbstbestimmungsrechts der Nationen, als erster Kanzler der Republik Deutsch-Österreich und als gewesener Präsident ihrer Friedensdelegation zu Saint-Germain werde ich mit JA stimmen.”

Noch vor der Legitimation durch eine Wahl nimmt auch das Ausland Stellung. Die Regierungen in London und Paris erkennen beide schon am 2. April den Anschluß an, und Mussolini vergleicht ihn mit der Einigung Italiens im Jahre 1856. Damit ist auch Artikel 88 des Vertrags von Saint-Germain gefallen.

Die für den 10. April angesetzte Volksabstimmung wird zur Bestätigung der österreichischen Verfassungsväter von 1918. Von 4.284.795 Wählern stimmen 4.273.884 für die Wieder-vereinigung Österreichs und Deutschlands und 9.852 dagegen. Das sind 99,73 % pro Anschluß. Die Deutschen in Österreich und im so genannten Altreich – so zeigt die Wahl – sind an jenem 10. April 1938 durch das verbunden, was die Nation ausmacht: die gleiche Sprache und Kultur, die gemeinsame Geschichte, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der Wille, zusammen zu gehören .



Die Tschechoslowakei auf ihrem Weg zum Protektorat 1939

Die Tschechoslowakei als Vielvölkerstaat

Die Tschechoslowakei ist nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten aus Landesteilen zusammengefügt worden, die vormals österreichisch, ungarisch, deutsch oder polnisch waren, aber nie in der Geschichte einen Staat gebildet haben. Der Name verschleiert, daß im neu geschaffenen Staat die größten Völker Tschechen und Sudentendeutsche sind und nicht Tschechen und Slowaken, und er läßt nicht erkennen, daß der neue Staat drei Landesteile hat und nicht nur zwei. Die Karpato-Ukraine, ganz im Osten der Tschecho-slowakei, bildet mit ihrer ruthenisch-ukrainischen Bevölkerung ein eigenes Gebiet. 1938 zählt die Tschechoslowakei neben 6,7 Millionen Tschechen auch 3,1 Millionen Deutsche, 2 Millionen Slowaken, 734tausend Ungarn, 460tausend Ruthenen (Ukrainer), 180tausend Juden, 75tausend Polen und 240tausend Menschen anderer Herkunft. Die Tschechen stellen damit im eigenen Staat nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung. Der Status dieses neuen Staatsgebildes ist in den Verträgen von Saint-Germain, von Trianon und von Versailles festgeschrieben. Die Verträge bestimmen, daß jede da genannten Minderheiten ihre innere Autonomie in der neuen Tschechoslowakei erhalten soll. Von Seiten der Tschechen wird das auch so zugesagt. Der tschechische Delegierte in Saint-Germain Eduard Beneš teilt den Siegermächten diese Absicht als Versprechen in einer Note vom 20. Mai 1919 schriftlich mit:

„Die tschechoslowakische Regierung hat die Absicht, ihren Staat so zu organisieren, daß sie als Grundlage der Nationalitätenrechte die Grundsätze annimmt, die in der Verfassung der schweizerischen Republik zur Geltung gebracht werden, d.h., sie will aus der Tschechoslowakischen Republik eine bestimmte Art Schweiz machen.”

 Schon die Verfassung von 1920 löst die Zusagen für eine Autonomie nicht für alle Minderheiten ein. Den Slowaken gegenüber erkennen die Tschechen ihr Versprechen nicht mehr an und verweigern ihnen das zugesagte eigene Landesparlament. Auch die Deutschen, die Ungarn und die Polen werden in dieser Hinsicht nicht bedacht. Sie stehen lediglich unter dem Schutz von Minderheitenartikeln in der Staatsverfassung. Der neue Staat entwickelt sich statt dessen bald zu einem Zentralstaat in der Hand der Tschechen. Staatsapparat, Polizei und Militär sind überwiegend tschechisch. Die einsetzende Bedrückung der vielen Minderheiten durch die Tschechen belastet fortan das Verhältnis der Tschechoslowakei zu allen ihren Nachbarstaaten.

Das deutsch-tschechische Verhältnis ist dabei durch zweierlei Entwicklungen in einem besonderen Maß belastet. Die eine ist die historische Konkurrenz der Deutschen und der Tschechen, die nun offen an den Tag tritt. So veröffentlicht zum Beispiel ein tschechischer Jurist Namens Stěhule 1919 eine Denkschrift mit dem Titel „Der tschechoslowakische Staat im internationalen Recht“, in der er die Stellung der Deutschböhmen in seinem neuen Staat wie folgt beurteilt:

 „... Der Deutsche als Feind der Menschheit kann das Recht auf Selbstbestimmung nicht nach seinen egoistischen Bedürfnissen wahrnehmen. ... Es sind die Slawen, auf deren Kosten sich der Deutsche ausgebreitet hat, und dieses Unrecht muß nach der Meinung der Menschheit wieder gutgemacht werden, d.h. das deutsche Volk muß dieses Territorium seinen rechtmäßigen Eigentümern herausgeben.“

Mäßigendere tschechische Stimmen dringen kaum noch durch.

Die andere Entwicklung zeigt sich in der gegen Deutschland gerichteten Bündnispolitik Prags mit Moskau und Paris. 1936, während der Rheinlandkrise bieten die Tschechen den Franzosen ihre Waffenhilfe gegen Deutschlands „Rücken“ an. Verbündete sowjetische Offiziere erkunden Flugplätze in der Tschechoslowakei, um sie gegebenenfalls in einem Kriege zu nutzen. Der französische Luftfahrtminister Cot äußert noch am 14. Juni 1938 in einem Interview: „... daß gemeinsame Angriffe der französischen und der tschechischen Luftwaffe sehr schnell alle deutschen Produktionsstätten vernichten könnten.“ So bildet die Tschechoslowakei mit ihrer weit in deutsches Staatsgebiet hineingeschobenen geo-strategischen Lage und ihrer Bündnispolitik eine latente Bedrohung für das Deutsche Reich.

Hitler erwähnt in einer  - von Oberst Hoßbach protokollierten -  Generalsbesprechung im November 37 erstmals, daß er gedenkt, den tschechischen Landesteil der Tschechoslowakei, der bis 1918 fast 1000 Jahre lang zum Deutschen Reich gehört hat, als „Lebensraum im Osten“ und wegen der latenten Bedrohung von dort bei Gelegenheit zu annektieren. Im Dezember 1937 ordnet Hitler der Wehrmachtsführung gegenüber erstmals an, Pläne für eine spätere Eroberung der Tschechei zu erarbeiten.. Mit einer weiteren Weisung vom 21. Dezember 1937 wird die Tschechei zum eigenen Kriegs- und Eroberungsziel. Jetzt geht es auch nicht mehr alleine um die „Heimkehr“ der Sudetendeutschen. Nun steht die Tschechoslowakei als Erweiterung des deutschen Lebensraums und als militärisch dauerhaftes Risiko für Deutschlands Sicherheit auf Hitlers Tagesordnung.

Das tschechisch-slowakische Verhältnis

Abgesehen von der zunächst vertraglich vereinbarten und dann doch nicht zugestandenen Autonomie für die Slowakei übernehmen die Tschechen von Beginn an in vielen Gemeinden der Slowakei die kommunale Gewalt, die nun eigentlich auf die Slowaken übergehen sollte. Als 1928 ein führender slowakischer Politiker, der spätere Staatspräsident der Slowakei, Professor Dr. Vojtech Tuka in einer von ihm verfassten Schrift die einst zugesagte Autonomie für sein Volk verlangt, wird er mit 15 Jahren Haft bestraft. Die Unzufriedenheit der Slowaken wächst, je länger die Tschechen die Tschechoslowakei als "ihren" Staat regieren. 1937 fordert der Chef der Slowakischen Volkspartei Andrej Hlinka noch einmal die zugesagte Autonomie für die Slowaken, dazu die Anerkennung seines Volkes als politische Körperschaft mit Minderheitenrechten und eine Besitzstandsgarantie für den Landbesitz des slowakischenn Bevölkerungsanteils. Im selben Jahr schreibt der "Slowakische Rat" der Exilslowaken aus den USA an die tschechische Regierung einen offenen Brief, in dem es heißt:   

"Mit welchem Recht habt ihr die Slowakei und Ruthenien besetzt? Wir sind keine Tschechen, keine  Tschechoslowaken. Wir sind Slowaken und wollen Slowaken bleiben. Unser Volk leidet Mangel. Tschechische Polizei schießt bei Demonstrationen auf Slowaken. ... Gebt uns unsere Freiheit wieder."  

Die tschechoslowakische Ehe ist Ende der 30er Jahre zerrüttet.

Die Sudetenkrise

Im. März 1938 wird Österreich an Deutschland angeschlossen. Von da an steht das Thema „Tschechoslowakei” in London, Paris und Moskau auf die Tagesordnung. Hier argwöhnt man zu Recht, daß Hitler der Sudetendeutschen wegen und um sich der Tschechen im eigenen Rücken zu entledigen, als nächstes die Tschechoslowakei erobern könnte. Auch innerhalb der Tschechoslowakei spitzt sich nun die Lage zu. Die Forderungen der Sudetendeutschen nach der Verwirklichung der in der Verfassung vorgesehenen Autonomie innerhalb der Tschechoslowakei werden immer direkter vorgetragen. Die Benachteiligung und Verfolgung der Sudetendeutschen hört indes nicht auf. Vom 1. bis 31. Mai 1938 werden in der Tschechoslowakei bei Übergriffen 3 Sudetendeutsche getötet und 130 verletzt, viele davon schwer. Des weiteren sind 40 Überfälle mit Mißhandlungen von sudetendeutschen Bürger bekannt geworden.

Im August 1938 entsendet die britische Regierung eine Kommission unter Sonderbotschafter Runciman nach Prag, um dort den Stand der sudetisch-tschechischen Differenzen zu ermitteln und, wenn möglich, zu vermitteln. Lord Runciman erfährt sehr schnell, daß ein Ausgleich zwischen Tschechen und Sudetendeutschen nicht mehr möglich ist. Runcimans Bericht vom 21. September 1938 fällt vernichtend für die Tschechen aus. Runciman empfiehlt, die Grenzbezirke mit überwiegend deutscher Bevölkerung unverzüglich von der Tschechoslowakei zu trennen und an Deutschland anzugliedern. Für weitere Gebiete, in denen die Sudeten nicht die große Mehrheit bilden, schlägt er Volksabstimmungen vor und einen autonomen Status innerhalb der verbleibenden Tschechoslowakei.

In dieser Lage versucht der britische Premierminister Chamberlain zu retten, was zu retten ist.

Chamberlain verhandelt am 15. September in Berchtesgaden mit dem deutschen Kanzler Hitler und noch einmal vom 22. bis 24. September in Bad Godesberg bei Bonn, um das Problem der über drei Millionen Sudetendeutschen ohne Krieg zu lösen. Hitler verlangt den Anschluß der Sudetenlande bis zum 1. Oktober 1938 und droht anderenfalls mit Krieg. Dank der Vermittlung des italienischen Ministerpräsidenten Mussolini kommt es am 29. und 30. September 1938 auf derMünchener Konferenz dann doch zu einer Lösung. Hier beschließen die Staats- und Regierungschefs aus Rom, Paris, London und Berlin in einem Kompromiß:

1. Die Räumung der vorwiegend deutsch bewohnten Sudetengebiete zwischen dem 1. und dem 10. Oktober 1938  und

2. daß ein internationaler Ausschuß unter tschechischer Beteiligung zusätzliche Gebiete bestimmen soll, in denen die spätere Zugehörigkeit durch eine Volksabstimmung geklärt wird.

Dieses Münchener Abkommen der vier Mächte wird den Tschechen von den Botschaftern Englands und Frankreichs wie ein Urteil ohne Berufungsmöglichkeit eröffnet mit der dringenden Empfehlung, es unverzüglich anzunehmen. So verliert die Tschechoslowakei im Oktober 1918 ihre überwiegend deutsch bewohnten Landesteile.

 

Der Zerfall der Tschechoslowakei

Die Trennung der deutschsprachigen Bevölkerung vom Staat der Tschechen und Slowaken nach der Konferenz von München löst das Problem nicht, das dieser Staat seit seiner Gründung hat. Den Slowaken, Ungarn, Polen und Ruthenen (Ukrainern) sind 1919 in der „Vereinbarung von Pittsburgh“ und im Minderheitenabkommen von Saint-Germain Rechte zugesprochen worden, die sie nun - wie jetzt die Sudetendeutschen - endlich haben wollen. Doch die Tschechen kämpfen trotz des bitteren Lehrgelds, das sie in München hatten zahlen müssen, weiterhin um ihre Vorherrschaft über die Slowaken und Ruthenen. Zum Druck von innen folgt nun neuer Druck von außen. Im Oktober 1938 fordert Polen Grenzgebiete von den Tschechen, im März 1939 folgen ungarische Ansprüche. Am 13. März teilt der rumänische Außenminister Gafencu der deutschen Reichsregierung mit, daß

„Rumänien kein Interesse an einem Fortbestand der Tschechei oder der Slowakei habe, und daß es sich in keiner Weise mehr an Prag gebunden fühle”.

An diesem Tage lösen sich die Slowakei und die Karpato-Ukraine aus der Tschechoslowakei. Die slowakische Regierung bittet Hitler unverzüglich, die Schutzherrschaft über ihren neuen Staat zu übernehmen. Die Karpato-Ukraine wird sofort von Ungarn annektiert. Am 14. März 1939 hat die Tschechoslowakei aufgehört, zu existieren.

 

Die Tschechei wird zum Protektorat

Am 13. März 1939, nimmt der englische Botschafter Henderson in Berlin Verbindung zu Staatssekretär von Weizsäcker im Auswärtigen Amt auf. Er will erfahren, was Hitlers weitere Absicht ist. Von Weizsäcker, der Hitlers Einmarschpläne kennt, weicht aus und sagt nur: „Was auch immer getan wird, wird in einer anständigen Weise geschehen”. Henderson warnt von Weizsäcker in aller Eindringlichkeit vor dem Eingreifen Englands für den Fall, daß das Münchener Abkommen verletzt werden sollte. Diese Warnung bleibt, was Hitler später wohl vermerkt, eine leere Drohung. Henderson drängt am gleichen Tag noch seinen tschechischen Kollegen, er möge seinem Außenminister in Prag nahelegen, sofort nach Berlin zu reisen und die tschechoslowakische Entwicklung mit der Reichsregierung absprechen.

Ob auf Druck des englischen Botschafters oder aus eigenem Entschluß, am 14. März wendet sich der bisherige Staatspräsident der Tschechoslowakei, und ab diesem Tag nur noch Präsident der Tschechen, Dr. Hacha an den deutschen Kanzler. Er bittet um einen baldigen Besuchstermin. Noch am 14. nachmittags reisen Dr. Hacha und sein Außenministers Chvalkowsky mit der Bahn von Prag nach Berlin. Dr. Hacha trifft spät abends ein und wird mit allen zeremoniellen Ehren, die einem ausländischen Staatsoberhaupt gebühren, in der Reichshauptstadt empfangen. Im Vorgespräch, das der tschechische Präsident noch im Hotel mit dem deutschen Außenminister führt, sagt Dr. Hacha zu von Ribbentrop, daß er gekommen sei, „um das Schicksal der Tschechei in die Hände des Führers zu legen”. Von Ribbentrop meldet Hitler diese hachasche Redewendung, worauf der von Ribbentrop beauftragt, sofort ein deutsch-tschechisches Abkommen zu diesem Zwecke zu entwerfen.

Als Dr. Hacha bei Hitler eintrifft, ist es inzwischen 1.15 Uhr morgens; für den alten und herzleidenden Präsidenten eine arge Strapaze. Hacha kann auf das, was nun auf ihn zukommt, nicht ganz unvorbereitet gewesen sein. Bereits beim Empfang am Bahnhof hatte ihn der tschechische Botschafter davon unterrichtet, daß soeben deutsche Truppen in Mährisch-Ostrau auf tschechisches Territorium vorgedrungen wären. Ansonsten sind die deutschen Verbände, die zur Besetzung vorgesehen sind, während sich Dr. Hacha und Hitler gegenübertreten, bereits auf ihrem Marsch zur Grenze. Hitler hatte den Einmarsch deutscher Truppen schon vor zwei Tagen für diesen Morgen auf 6 Uhr in der Frühe festgelegt.

Präsident Hacha geht mit ausgestreckten Armen auf Hitler zu und eröffnet das Gespräch mit einem Schwall von Freundlichkeiten:

„Exzellenz, Sie wissen gar nicht, wie ich Sie bewundere. Ich habe alle Ihre Werke gelesen, und ich habe es möglich gemacht, daß ich fast alle ihre Reden hören konnte.”

Nach der Konferenzeröffnung ist es wieder der tschechische Präsident, der sofort das Wort ergreift. Nachdem er zunächst erklärt, daß er den nun selbständigen Slowaken „keine Träne nachweint” kommt er zum deutsch-tschechischen Verhältnis:

„Jahrhunderte lang haben unsere Völker nebeneinander gelebt und den Tschechen ist es nie so gut gegangen wie dann, wenn sie mit den Deutschen im Einvernehmen lebten. Deshalb habe ich Sie auch um eine Unterredung gebeten, denn ich will die Mißverständnisse, die zwischen unseren beiden Ländern aufgetaucht sein mögen, ausräumen. Ich lege das Schicksal meines Volkes in Ihre Hände mit der Überzeugung, daß ich es in gar keine besseren legen könnte.

 Hitler erwidert zunächst freundlich, doch dann beginnt er aufzuzählen, wie die alte Tschechoslowakei das deutsch-tschechische Verhältnis ruiniert hat. Auch nach der Konferenz von München vor sechs Monaten und nach der Ausgliederung der Sudetengebiete habe sich am alten Geist der Feindschaft nichts geändert. Die tschechische Armee sinne nur auf Rache.

„So sind”, sagt Hitler, „bei mir am letzten Sonntag die Würfel gefallen. ... Ich habe der Wehrmacht den Befehl gegeben, in die Rest-Tschecho-Slowakei einzurücken und sie in das Deutsche Reich einzugliedern. .... Jetzt gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: entweder leistet die tschechische Armee dem Vormarsch der deutschen Truppen keinen Widerstand. In diesem Falle hat Ihr Volk noch gute Aussichten für die Zukunft. Ich werde ihm eine Autonomie gewähren, die weit über alles hinausgeht, wovon es zu Zeiten Österreichs hätte träumen können. Oder aber ihre Truppen leisten Widerstand. In diesem Falle werden sie mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln vernichtet werden.”

Eine Verhandlung zwischen Hitler und Hacha findet nicht mehr statt. Der „Führer” drängt den tschechischen Präsidenten, seinen Truppen sofort zu befehlen, keinen Widerstand zu leisten. Der anwesende Oberbefehlshaber der Luftwaffe Göring, setzt nach und droht, andernfalls am nächsten Morgen Prag zu bombardieren. Dr. Hacha gibt schweren Herzens der Erpressung nach und weist Verteidigungsminister Sivory an, jeden Widerstand der tschechischen Armee zu unterbinden. Nachdem das klar ist, wird auch auf deutscher Seite ein Schießverbot für die Wehrmachtsteile ausgesprochen, die ab 6 Uhr die Grenzen überschreiten sollen.

Morgens um 3.55 Uhr schreiten Hitler und Dr. Hacha zur Unterzeichnung der Erklärung, die Außenminister von Ribbentrop nach seinem ersten Gespräch mit Hacha am vergangenen Abend auf Hitlers Geheiß entworfen hatte:

„... Auf beiden Seiten ist übereinstimmend die Überzeugung zum Ausdruck gebracht worden, daß das Ziel aller Bemühungen die Sicherung von Ruhe, Ordnung und Frieden in diesem Teil Mitteleuropas sein müsse. Der tschecho-slowakische Staatspräsident hat erklärt, daß er um diesem Ziel zu dienen und um eine endgültige Befriedung zu erreichen, das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches legt. Der Führer hat diese Erklärung angenommen und seinem Entschluß Ausdruck gegeben, daß er das tschechische Volk unter den Schutz nehmen und ihm eine seiner Eigenart gemäße autonome Entwicklung seines völkischen Lebens gewährleisten wird.”

Das Protektorat Böhmen und Mähren 

Der Vollzug dieser erpreßten Abmachung geht erstaunlicher Weise ohne alle Reibungen über die Bühne der Tschechei. Die Wehrmacht besetzt noch bis zum Abend die Landesteile Böhmen und Mähren. Hacha bleibt Regierungschef bis 1945. Der frühere deutsche Außenminister von Neurath wird ihm als „Reichsprotektor” und Hitlers persönlicher Vertreter vorgesetzt. Die deutsche Reichsregierung übernimmt die Ressorts Außenpolitik, Finanzen, Wirtschaft und Verteidigung in eigene Regie. Hachas tschechische Regierung verfügt mit der Hoheit über Inneres, Kultur und weitere Ministerien dann nur noch über die Befugnis, ein im Inneren autonomes Eigenleben zu gestalten.   Die Polizei bleibt demnach tschechisch. Das Militär wird von 150.000 Mann auf 7.000 abgerüstet.                                                        

Diese Darstellung darf nicht verdecken, daß die Protektoratsmacht Deutschland die Tschechei bis 1945 mit einem Heer von 5.000 Polizeibeamten kontrolliert und damit alle antideutschen Bestrebungen im Keim erstickt. Eine geschätzte Zahl von 36 bis 55tausend Tschechen wird in den sechs Jahren Opfer deutscher Herrschaft, wobei - auch das gehört zum deutsch-tschechischen Verhältnis - mehr als 90 Prozent der Denunziationen und Anzeigen, die zur Verhaftung von Tschechen führen, auch von Tschechen stammen .