Freitag, 7. Juni 2013

BILDERBERG IN WATFORD / UK: ALTE ABSCHOTTUNG UND NEUE TRANSPARENZ. (HELIODA1)

Bilderberg in Watford: Alte Abschottung und neue Transparenz

Andreas von Rétyi

Das aktuelle Bilderberg-Treffen ist nun im Gange, die Weltelite und ihr Tross haben sich wie üblich hinter verschlossener Tür versammelt. Rund um das Grove-Hotel im britischen Watford werden umfangreiche Aktivitäten der örtlichen Polizei beobachtet. Hier herrscht jetzt der Ausnahmezustand. Was gibt es Neues?

Watford in der südenglischen Grafschaft Hertfordshire liegt direkt vor den Toren Londons und nur etwa eine halbe Autostunde von Windsor Castle entfernt. Die Stadt würde in Deutschland wohl »Jagdfurt« oder ähnlich heißen. Das sächsische Wort »Wath« bedeutet »jagen«, und das Gebiet

von Watford war eben jene Furt, die man einst für die Jagd nutzte. In diesen Tagen könnte der Name, besonders für investigative Journalisten und Aktivisten, allerdings eine leicht veränderte Bedeutung erfahren und wäre dann wohl eher mit »Fortjagen« zu übersetzen...

 

Vor allem, wer sich nunmehr dem Grove-Hotel nähert, darf derzeit kaum damit rechnen, sonderlich gastfreundlich empfangen zu werden. Denn selbst die berühmte britische Höflichkeit wird durch das Treffen der Bilderberg-Gruppe unmittelbar außer Kraft gesetzt. Noch bevor die ersten dunklen Limousinen vorfuhren, um die mächtigen Tagungsteilnehmer möglichst schnell in die anonyme Schutzzone des Nobelhotels zu entlassen, bekamen Journalisten den Ausnahmezustand am Grove deutlich zu spüren. Bereits Tage vor Konferenzbeginn wurden Hotelreservierungen storniert. Aktivist Alex Jones von Infowars war bereits vor Ort, um erste Eindrücke zu sammeln und Aufnahmen zu machen. Anschließend begab er sich zusammen mit einigen seiner Mitstreiter zum Dinner ins Hotel.

 

Innerhalb einer Viertelstunde tauchten Sicherheitsleute auf und forderten das Filmteam ohne Angabe von Gründen zum Gehen auf. Jones bestand noch darauf, seine Rechnung zu begleichen, um nicht später Probleme mit dem Hotel zu bekommen, doch gab es keine weitere Diskussion. Die Jones-Mannschaft wurde die lange Zufahrtsstraße entlang eskortiert, um dann noch einigeFilmaufnahmen am Eingang zu machen. Die missliebigen Journalisten beobachteten dabei, wie Beamte verschiedene Personen anhielten, um sie zu befragen. Schon jetzt entwickelte sich um das Hotelgelände herum eine geradezu paranoid anmutende Atmosphäre.

 

Zum Konferenzbeginn am Donnerstag berichtete der lokaleWatford Observer von einer »massiven Polizeioperation« im Umfeld des Hotels, wobei »Gesetze zur Terrorabwehr angewendet« werden. Jetzt wurden Straßen und natürlich auch kleinere Wege für Unbefugte gesperrt. Anwohner der Region erleben einen virtuellen Polizeistaat, so berichteteInfowars über den Bilderberg-Ausnahmezustand von Watford. »Alle Wegrechte über das Grove-Gelände … sind für die Dauer der dreitägigen Konferenz aufgehoben«, vermerkt auch der Watford Observer.


Dorothy Thornhill, die Bürgermeisterin von Watford, äußert sich verärgert über das aalglatte Abwälzen wesentlicher Kosten des Spektakels an Unbeteiligte. In einem Brief an den britischen Premier David Cameronkritisiert sie die Regierung dafür, die Rechnung für die Bilderberg-Security schlichtweg an die falsche Adresse zu schicken, nämlich an den normalen Steuerzahler von Hertfordshire. Umso ärgerlicher, muss er doch für den Schutz der reichsten Menschen dieser Welt aufkommen.

 

Aber die Geschichte wiederholt sich hier »lediglich«. Denn die Öffentlichkeit für diesen »ganz besonderen Sondergipfel« mit berappen zu lassen hat bei Bilderberg einige Tradition. Das belegenunter anderem auch die unlängst bekannt gewordenen Papiere aus dem Archiv von Ex-Bundespräsident Walter Scheel.

 

All dies also, obwohl niemand erfahren darf, was auf der Konferenz beraten und besprochen wird. Dabei geht es um Angelegenheiten von Weltbedeutung. Aus der Teilnehmerliste und den ebenfalls bekannt gegebenen Hauptthemen lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen, der Rest besteht aus Interna. Selbst die perWikiLeaks enthüllten Bilderberg-Protokolle etlicher früherer Tagungen liefern lediglich einen Überblick über das offizielle Programm, bei dem sich politische und ökonomische Kurzreferate aneinanderreihen.

 

Wie bereits im gestrigen Beitrag erwähnt, finden die eigentlich wesentlichen Gespräche und Entscheidungen bei Bilderberg-Konferenzen oft auf einer persönlicheren Ebene statt, durchaus im Zwiegespräch. Das bestätigte nun ganz aktuell auch der Londoner Telegraph in einem Beitrag mit dem Titel: »Bilderberg-Gruppe? Keine Verschwörung, nur die einflussreichste Gruppe in der Welt«. Hier wird auch Lord Healy als langjähriger Teilnehmer der Konferenz zitiert, der ihre Bedeutung beiDiskussionen zur Vietnam-Politik oder auch der europäischen Integration hervorhebt. Bei Bilderberg saßen Schmidt, Pompidou, Giscard d'Estaing und andere Größen der Politik mit Bankern und Wirtschaftsbossen zusammen, um zu diskutieren, wie das europäische Währungssystem funktionieren könnte, so Healy. Rund 40 Jahre, bevor der Euro kam, wurde er bereits im Geheimen beschlossen.

 

Der Telegraph bezieht sich auch auf den irischen Öl-Broker und späteren Journalisten Tom Bergin und sein Enthüllungsbuch Spills and Spin, ein Insiderbericht zum BP-Konzern. Demnach hatte der in Hamburg geborene Ex-BP-Chef Lord Browne während des Bilderberger-Treffens von 2004 einen Spaziergang am Comer See für sehr vertrauliche Gespräche genutzt, um eine gigantische Fusion mit Shellvorzuschlagen und damit die weltgrößte Ölgesellschaft zu gründen. Lord Browne habe das Treffen damals in der Überzeugung verlassen, diese Fusion würde tatsächlich stattfinden. Experten äußern die Ansicht, dies sei lediglich eine Frage der Zeit.

 

So manches, was auf Bilderberg diskutiert wird, nimmt zum geeigneten Zeitpunkt reale Gestalt an. Das bestätigte auch der ehemalige NATO-Generalsekretär und Bilderberger Willy Claes in einem Radio-Interview im Jahr 2010, als er erklärte, Bilderberg-Teilnehmer seien dazu verpflichtet, auf der jährlichen Konferenz formulierte Entscheidungen umzusetzen.

 

Ereignisse wie die geplante Ölkrise von 1973, die Jagd auf Saddam Hussein und der daraufhin geführte Irakkrieg oder sogar die einschneidende Lehman-Brothers-Pleite von 2008 werden auf Bilderberg-Entscheidungen zurückgeführt. Informationen, wie sie investigative Journalisten überKontakte aus dem »inneren Zirkel« erhalten haben, bestätigen das Szenario und den realen Einfluss der Gruppe. Auch hinsichtlich Wahl und Abwahl von Spitzenpolitikern. Als exponierte Beispiele gelten Bill Clinton und Tony Blair, die kurz nach ihrer Bilderberg-Teilnahme in ihre hohen Ämter gelangten. Nicht zu vergessen das aktuelle Beispiel John Kerry, Skull-and-Bones-Mitglied und Ex-Gegenkandidat von George W. Bush. Mit der US-Präsidentschaft wurde es damals für Kerry nichts, doch lud man ihn im vergangenen Jahr zu Bilderberg – und prompt folgte er bekanntlich ins Amt des US-Außenministers.

 

Die Geheimkonferenz macht vieles möglich. Aber wie lange kann sie noch geheim bleiben? Eine anonyme Quelle aus dem Umfeld der Sicherheitskräfte im Grove erklärte ganz aktuell zur Sachlage, dass doch eine ganze Reihe an Bilderberg-Teilnehmern mit der »Geheimhaltungs-Besessenheit« der Konferenz-Organisatoren unzufrieden seien und sich größere Transparenz wünschten. Und dieBBC bestätigte gegenüber Infowars, einen Teilnehmer der aktuellen Konferenz wegen eines Fernseh-Interviews kontaktiert zu haben. Zwar erhielt der britische Sender hierzu eine abschlägige Antwort, doch stellte die betreffende Person ein Telefongespräch in Aussicht.

 

Auch aufseiten der Bilderberg-Kritiker, die sich vor Ort versammeln, ändert sich zumindest teilweise die Herangehensweise. Ob letztlich mit Erfolg, sei derzeit noch dahingestellt. Auf dem Hotelgelände gibt es nun sogar ein öffentliches Pressebüro, natürlich strikt von Sicherheitsleuten und örtlicher Polizei überwacht. Dennoch ein absolutes Novum.

 

Die Aktivisten haben ein eigens konstruiertes Podium errichtet. Sie laden Konferenzteilnehmer ein, dort vor der Presse und den versammelten Demonstranten offen zu sprechen. Niemand erwartet ernstlich, dass auch nur ein einziger Bilderberg-Gast diese zusätzliche, »externe« Einladung annimmt. Natürlich ist die gesamte »öffentliche Pressekonferenz« reine Stichelei, doch unterstreicht sie die Grundintention, dem starren Muster endlich zu entkommen und sich auf beiden Seiten zu öffnen. Nur leider entspricht das wiederum nicht so ganz dem Charakter und Anliegen einer Geheimkonferenz.